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Auf Lomax Spuren

Auch ein guter Film kann dramaturgisch banal sein, insbesondere wenn es ein Dokumentarfilm ist. Die hier zu besprechende DVD Deep Blues ist eine filmtechnisch erfreulich einfache DVD aus dem Jahr 1991. Journalist und Musikethnologe Robert Palmer (1945–1997) zeigte damals Dave A. Stewart (* 1952) von Eurythmics und Dave Stewart & The Spiritual Cowboys den Süden, genauer Mississippi, seinen Heimatstaat, auf der Suche nach dem wahren und echten Blues. Diesen kriegen wir als Zuschauer dann ebenso zu sehen und zu hören wie der etwas hilflos wirkende Stewart.  Aber was geboten wird ist von so herausragender Qualität, dass der simple Aufbau nie stört, ja sogar viele Vorteile bietet.

Der leider nur englischsprachig verfügbare Film besteht also aus nichts anderem als einem kurzen Einführungsmonolog von Robert Palmer, der auf diesen Seiten schon in zwei Buchrezensionen zur Genüge vorgestellt wurde (Deep Blue s und Blues & Chaos ), worauf dann ein Auftritt eines Einzelmusikers oder einer Band folgt.  Regisseur Robert Mugge (*1950, hier im Bild mit Irma Thomas) hat sich vom nervigsten Fehler bei Bluesdokumentaries ferngehalten: die Ruhe des Auftritts durch zu viele Schnitte zu zerhacken. Hier bleibt es bei festen Einstellungen, etwas Zoom, einem Schwenk, nicht mehr. Dies sind wunderbar authentische und intime Aufnahmen von Musikern, die das zeigen, was sie seit Jahrzehnten geübt haben, was damals einfach noch kaum jemand von ihnen kannte: ihren Blues. Robert Mugge, der sich im Genre des Konzert- und Doklumentarfilms auskennt (seine Arbeiten umfassen unter anderem Last of the Mississippi Juke Joints und Pride and Joy: The Story of Alligator Records) übt hier feine Zurückhaltung. Seine jüngsten Arbeiten sind die Dokumentarfilme Blues Divas von 2005 und New Orleans Music in Exile von 2006 und er hat auch schon mit Palmer zusammengearbeitet.

Hier übernehmen sie das ebenso einfache wie erfolgreiche Konzept Alan Lomax‘: Nach Mississippi fahren und Musiker aufnehmen, die bis dahin noch unentdeckt waren. Und durch Robert Palmers Expertise in diesem Bereich sieht man wirklich unentdeckte Kulturdenkmäler in der Fomr von ganz alltäglichen Leuten aus Mississippi, die halt etwas Musik machen. Dieser Gegensatz macht viel von der Spannung in diesem Film aus: Als Bluesliebhaber hört man ein Stücke, dass einem das Herz schier zerspringt, aber da sitzt einfach ein schlecht frisierter Herr vor seinerHolzhütte und spielt was.So sieht man R.L. Burnside vor seinem Haus einen hypotischen Hill Country Blues spielen und ihn sogar Dave Stewart beibringen. Der Gitarrist Junior Kimbrough, der mit Band spielt, haut einen weg, so gut spielt er. Pianist Booker T. Laury spielt den Memphis Blues auf eine Weise, dass der Ausdruck «roh» als Adjektiv ungenügend erscheint. Eine Dame namens Jessie Mae Hemphill spielt zuerst in einer Fife-and-Drum-Band und dann noch solo einen Blues. Big Jack Johnson (1940–2011) spielt den Catfish Blues und den wunderbaren Slow Blues Daddy when is Momma Coming Home Song. Er hat im Film Black Snake Moan Jack’s Blues und Catfish Medley gespielt.

Wer die meisten dieser Namen noch nie gehört hat: keine Sorge, es sind ja eben Geheimtipps. Wenn auch Junior Kimbrough, der 1991 noch keine Aufnahme veröffentlicht hatte, inzwischen eine ansehnliche Diskographie erspielt hat und R.L. Burnside auch schon dem Dokumentarfilm kein Unbekannter war, so zeigt der Film doch weitgehend unbekannte Musiker. Bekanntlich sagt das nichts über ihre musikalischen Fähigkeiten aus, und diese Auftritte sind wirklich ein Bluesfestival im Kleinformat. Tatsächlich sollte der Film am Besten als eine Sammlung von Einzelauftritten betrachtet werden. Aber eben, die haben es in sich.

Roosevelt «Booba» Barnes aus Greenvill Mississippi ist so eine Figur. Er spielt seit Jahren in der Nelson Street, der Beale Street von Greenville sozusagen, und hat die unglaublich intensivsten Augen, die ich seit langem gesehen habe. Einfach hypnotisierend. Der Gitarrist und Sänger spielt in einer Band mit zwei weiteren Gitarristen, einem Bass und Schlagzeug zwei Bluessongs (Heartbroken Man und Ain’t Goin‘ to Worry about Tomorrow). Es gibt ein Duett von 12-saitiger Gitarre und Harmonica mit einem Blues-Holler als Gesang, der Gänsehaut macht.

Auf Youtube gibt es einige Ausschnitte zu sehen: Robert T. Laury Aber der Film zieht einen vor allem als Ganzes rein und die 90 Minuten scheinen fast etwas kurz, aber es sind 90 Minuten, die für einen Bluesfan die Welt verändern können. Wirklich allererste Sahne und der Beweis, dass 1991 der Blues nicht tot war, und dass er es heute genausowenig sein wird. Nur warten in den Weiten des Delta und den Hügeln des North Country weitere Musiker darauf, von einem neuerlichen Endtecker à la Alan Lomax oder Robert Palmer in die und der Welt vorgestellt zu werden.

Hier geht's zur IMDB-Seite zum Film.


 

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