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Auf der Suche nach dem «Excalibur» der Gitarren

HervierVintageBuchcoverIn Zürich wurde eben ein Roman über Gitarren und Bluesmusik veröffentlicht: die Übersetzung von Grégoire Herviers 2016 erschienenem Roman Vintage. Im Französischen offenbar ebenso ein Code-Wort für alt-ehrwürdige Konsumgüter von früher, insbesondere Automobile und Gitarren. Um letztere geht es auch in diesem Roman, in dem Hervier seinen Helden auf eine wilde Reise schickt, die diesen ins Mississippi Delta führt und zu den Wurzeln der Bluesmusik. Und alles wegen einer ausgesucht unansehnlichen Gitarre: dem Modell «Moderne» der Firma Gibson. Um dieses geht die Geschichte, die bei Bluesnews.ch – und selbstverständlich ohne Spoiler – kurz umrissen wird. Das Buch ist eine schnell geschriebene und etwas atemlose Reise, die zu lesen gleichwohl Spass bereitet.

 

Vorab als Erklärung: Das Buch wird hier aus völlig freien Stücken besprochen: es fiel mir in Zürich in der ausgezeichneten Buchhandlung Nievergelt in die Finger und nach der Lektüre empfand ich eine kurze Buchbesprechung für angebracht, weil es schliesslich nicht so viele Romane über den Blues gibt. Richard Koechli ist bekanntlich in diesem Bereich unterwegs, aber nun liegt der Roman in deutscher Übersetzung vor, verlegt in der Schweiz, und darin geht es um alte Gitarren, um einen «vergessenen» alten Meister des Blues und um eine interessante Geschichte, die solide in der Wirklichkeit verankert ist, so dass der romanhafte Teil des Buches sehr an Glaubwürdigkeit gewinnt. Vintage von Grégoire Herviers ist ein rasanter Roman, der unter anderem in Frankreich, Schottland, Japan, Los Angeles, Memphis und dem Delta spielt. Der Autor bedient sich der aus Dan Browns Büchern hinlänglich bekannten Technik des Cliffhangers. Jedes Kapitel endet mit einer Entdeckung und das trägt dazu bei, ein weiteres der kurzen Kapitel zu lesen. Eine beliebte Technik, die ein Buch «süffig» zu lesen macht.

GibsonModerneDer Held – Thomas – wird als Angestellter bei einem Händler für Vintage-Gitarren in einen Fall verwickelt, in dem er beweisen soll, dass es 1957 bereits Prototypen des Gitarrenmodells «Gibson Moderne» gegeben habe. Die «Moderne» war eines von drei Gitarren-Prototypen der späten 1950er Jahre, welche die Firma Gibson entwickeln liss. Ted McCarthey hatte die bekannteren Modelle «Flying V» und «Explorer» entwickeln lassen und daneben noch ein drittes Konzept: die Moderne. Im Gegensatz zum «Flying V» und der «Explorer» wurde diese E-Gitarre in den 1950ern nie serienmässig produziert, es gab lediglich wenige Prototypen, und erst in den frühen 1980er Jahren wurde eine gewisse Anzahl dieser Gitarren auf den Markt geworfen, mit mässigem Erfolg (Das Bild rechts zeigt ein Modell von 1981). Die Moderne ist eine unansehnliche Gitarre, der Korpus in der Form eines liegenden K und die Kopfplatte in Form einer Bratenschaufel waren wichtiger Faktoren im beschränkten Erfolg dieses Modells. Hervier hat sich mit grossem Sachverstand einen interessanten Spezialfall ausgesucht, der den Held – und die Leserinnen und Leser – sachte aber umfassend in die Welt der Gitarrensammler einführt.

Es gibt einen Markt für Gitarren im Preisbereich von Luxusautos, und diese Sammler orientieren sich an Details, die nicht pedantisch, aber mit Sachverstand eingeführt werden. Ein Prototyp einer Gibson-Gitarre aus den 1950ern, noch dazu eines so seltenen Modells, ist wie eine «Blaue Mauritius» für Briefmarkensammler, was auch die Dringlichkeit der detektivischen Entdeckungsreise erklärt und die finanziellen Möglichkeiten, so um die Welt zu jetten wie es Thomas tut. Auf der Suche nach einem Prototyp der «Moderne» geht Thomas zu Sammlern, aber auch zu den Wurzeln des Blues. Die Geschichte führt ins Mississippi-Delta und dort zu den Mysterien des Blues.

Ohne die Geschichte zu verraten kann man nicht mehr viele Details angeben, aber das braucht es auch nicht: Alles, was den Blues an Mysterien durchzieht, kommt hier zur Sprache. Alle Mythen werden kunstvoll verknüpft. Es werden die wichtigen Figuren des geheimnisvollen Delta-Blues erwähnt, der auf den Plantagen des Deltas gespielt wurde, und der als Grundlage für den Bluesrock von Cream bis Bonamassa, von den Rolling Stones bis zu den Beatles zu gelten hat. Hierbei greift der Autor auf den Kunstgriff zurück: Die literarische Erschaffung eines bislang unbekannten neuen Bluesman der Delta-Tradition, der aber selbst schon elektrisch spielte: Li Grand Zombi, das fehlende Puzzleteil, das die offenen Fragen erklärt. Die offenen Fragen in der Bluestradition und die offenen Fragen zur Geschichte dieser spezifischen Gitarre.

Seine Suche nach diesem geheimnisvollen Bluesman und seiner Gitarre führt ihn weiter und weiter ins Delta und die Bluestradition, an seiner Seite eine Blues-Forscherin der University of Mississippi (der «Ole Miss»), wo ja ein Zentrum für die Erforschung des Blues steht, und wo die Zeitschrift Living Blues herausgegeben wird. Die Interaktion zwischen dem Gitarristen Thomas und der Forscherin Lorraine. Deren Interaktion ist einer der Höhepunkte des Buches: nicht schmalzig romantisch und auch nicht bemühend lustig-neckend ist ihre Zusammenarbeit beim Versuch, etwas über Li Grand Zombi herauszufinden von Respekt und echter Kooperation geprägt. Es ist gut, wurde hier keine Romanze eingeflochten: das hätte vom Roten Faden abgelenkt, der stets verfolgt wird.

Die Beschreibungen von Gitarrensounds sind erstaunlicherweise sehr stereotyp, und hier gibt es auch repetitive Passagen, denn die Beschreibung der im Verlauf dieser Geschichte zu hörenden Musik ist nicht wirklich überzeugend, was etwas schade ist. Immerhin macht der Autor klar, welche Art Musik er meint, aber die Beschreibungen der Töne ist manchmal allzu vorhersehbar, weil auf Stereotypen aufbauend.

Soweit ich das beurteilen kann – und in diesem Fall kann ich das zufällig sehr umfassend – ging ein gehöriges Mass an Recherche in diesem Roman voraus. Alle gemachten historischen Angaben sind korrekt – mit Ausnahme jener über die Kunstfigur Li Grand Zombie oder der anderen aktiven Personen im Roman. Der Autor weiss wovon er schreibt. Wahrscheinlich trägt die Figur Thomas starke biographische Ähnlichkeiten, wobei sich Hervier nicht auf Schatzsuche begibt, sondern dieses Buch verfasste.

Eine spassige und unterhaltsame Lektüre und ein Einblick in eine durchaus fremde Welt, obendrein Mythen des Blues, die hier zur Diskussion gestellt werden, dazu spannend ein geschriebener Text und in der Diogenes-Ausgabe auch ohne textliche Druckfehler. Das Buch ist für Blues-Nerds wie für Gitarren-Nerds gleichermassen lesenswert und unterhaltsam.

Hervier, Grégoire – . Vintage / aus dem Französischen von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs – . 390 S. – . Diogenes Taschenbuch #24450 – . Zürich: Diogenes, 2019 – . ISBN 978-3-257-24450-2. Original: Vintage, Éditions Aus diable vauvert, 2016.

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