Jazz 'n' More
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«Balling the Jack» und Cocktails in Kentucky

StLouisBluesNotenCoverDer St. Louis Blues ist in gewissem Sinn der Ur-Blues, weil es eines der ersten Musikstücke ist, das den Namen «Blues» im Titel führte. Aber die 1914 veröffentliche Komposition vom «Vater des Blues» W.C. Handy (1873-1958) war in jeder Hinsicht grundlegend, sind doch die Cover-Versionen ein wahres Who is Who der Blues- und Jazz-Musik. Unsterblich bleiben die Fassungen von Bessie Smith, Ella Fitzgerald, Louis Armstong, Count Basie, Paul Robeson oder Duke Ellington. Der Slow Blues ist aber komplexer als die normalen 12 Takte, und aufgrund des fortgeschrittenen Alters gibt es einige Passagen, in denen der Text nicht auf Anhieb verständlich ist. Wir übersetzen deshalb hier den als klassisch geltenden Text, den alle oben Genannten mit Variationen oder in Teilen gesungen haben, und wir erklären Passagen daraus. Die dieser Fassung ähnlichste Fassung ist vielleicht Paul Robeson und seine Version des St. Louis Blues, die in Youtube leicht zu finden ist.

Robeson war natürlich kein Bluesman, sondern ein Belcanto- und Opern-Sänger mit einem spektakulären Bariton, der in der Zwischenkriegszeit und den 1940er Jahren Erfolge feierte mit «Negro Spirituals», in den 1950er Jahren aber auf tragische Weise aus dem Verkehr gezogen wurde. Seine Version ist die m.E. am besten verständliche.

Das Lied St. Louis Blues besteht aus einer Wiederholung eines AABA-Elements, wobei der A-Teil ein normaler 12-Takt Blues ist in G-Dur, der B-Teil aber eine Folge von 16 Takten, die auch nicht im Blues-Schema gehalten sind, sondern mit G-Moll und D7 lediglich die Stufen I und IV verwendet. Dieser B-Teil ist die Passage, die beginnt mit «St. Louis woman, with her diamond ring…». Im untenstehenden Text (bei dem in der dritten Strophe dieser B-Teil fehlt) sind diese Teile jeweils kursiv gehalten. Die Noten sind wegen der Copyright-Regelung «gemeinfrei», also nicht mehr geschützt und können hier runtergeladen werden.

wchandy resizedDer Text ist die Klage einer Frau, der ihr Mann weggelaufen ist mit einer anderen Frau aus St. Louis, was auch der Kern der Geschichte ist, denn W.C. Handy hat nach eigenen Angaben in St. Louis eine Frau gehört, welche den Satz murmelte «That Man’s got a heart like a rock cast in the sea», den er prominent in den Text einbaute. Im veröffentlichten Text macht es den Anschein, als sei die Frau ländlich und wohne im Süden, der in Memphis tätige Bandleader Handy wird den Text an sein lokales Publikum angepasst haben.

St. Louis im Staat Missouri versteht sich als das «Tor zum Westen» und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts war es eine wichtige Metropole, denn die Eisenbahn in den Westen ging dort durch, das Count Basie Orchestra und die damit zusammenhängende Musikszene war dort, und bereits in Karl Mays Büchern Ende des 19. Jahrhunderts gilt es bekanntlich als die grosse Metropole, in der die Handlung immer wieder ihren Ausgang nimmt.

Die erste Strophe ist die Einführung: sie klagt, dass es ihr schlecht geht, ihr Mann weg sei und dass sie sich auf den Weg mache, wenn sie morgen noch immer so leide. Dann folgt die Beschreibung ihrer Widersacherin, einer Frau mit Make-Up und Perücke, gegen die sie keine Chance hat, denn offenbar stehen ihr diese Mittel nicht zur Verfügung. Der dritte A-Teil ist dann so etwas wie ein Refrain, denn der kommt immer wieder: die Erklärung, dass sie unter dem «St. Louis Blues» leide. Hier kommt die Zeile, dass ihr Mann ein Herz haben muss, dass einem Stein gleiche, den man ins Meer geworfen hat – eine Metapher dafür, dass er kein Herz hat, bzw. dass es unmöglich zu finden ist.

In der zweiten Strophe bereitet sie ihre Reise in die grosse Stadt vor, um den Mann zurück zu holen. Als Grund für ihre Reise folgt die kaum verständliche Zeile: «'Cause she most wile 'bout her Jelly Roll». Nun heisst «to be wile about» soviel wie «andere reinlegen oder verführen» und der «Jelly Roll» ist eine mit Marmelade gefüllte Teigtasche, aber hier ist die Slang-Bedeutung gemeint, die auf ein weibliches Geschlecht hinweist. Ich habe versucht, dies unter Verwendung eines mir durch Ralf König bekanntgewordenen Worts zu übersetzen. Sie sucht also eine Wahrsagerin auf, die sie in ihrem Vorhaben bestärkt und ihr sagte, sie solle sich den Mann zurückholen. Verwirrenderweise ist dieser Teil nicht mehr in der ersten Person, sondern plötzlich wird unsere «Heldin» in der dritten Person beschrieben. Solche Perspektivenwechsel in Blues-Texten sind nichts Ungewöhnliches. Aufgrund des Kontextes MUSS es sich aber um dieselbe Person handeln und eine Beschreibung der Konkurrentin in St. Louis ergibt keinen Sinn.

Im B-Teil der zweiten Strophe schildert sie ihre Reisepläne, bzw. der «Erzähler» schildert sie uns: sie will erst nach Cairo, einer Stadt in Illinois am Zusammenfluss von Mississippi und Ohio River, die südlich von St. Louis liegt. Wenn sie es bis Cairo schafft, baut sie auf ihren Freund Jeff, der mit dem Zug nach St. Louis fährt und sie bestimmt mitnimmt.

In der dritten Strophe besingt sie wieder selbst ihre Gefühle für diesen untreuen Mann, was sie mit Vergleichen tut. Dabei wird «mint and rye» erwähnt. Dies ist ein Drink, der offenbar in den Südstaaten beliebt war. Der «Hauptmann aus Kentucky» bezieht sich m.E. auf keine konkrete Person. Louis Armstrong und Ella Fitzgerald singen «rocker and rye», was wenig Sinn ergibt. Ein «Rocker» ist ein Schaukelstuhl, für deren Produktion Kentucky in der Tat berühmt ist und Roggen wird dort auch angebaut, aber es ist eine offensichtliche Notlösung, vielleicht geschuldet der Prohibition, bei der man besser keine Cocktails besingen sollte, oder auch nur wegen des Stabreims.

In den beiden weiteren A-Teilen der dritten Strophe folgt ein Text, der ursprünglich auch aus einem anderen Song stammen könnte, eine Klage über die Macht der Frauen über die Männer. Bemerkenswert hierbei ist schon die zweite Referenz auf die Eisenbahn. Nach ihrem Freund Jeff sagt sie, dass schwarzhaarige Frauen einen Zug aus den Gleisen springen lassen, wohl ein Hinweis auf eine Erektion, aber lange dünne Frauen «makes a preacher ball the jack». In dieser enorm derben Strophe wird auf «balling the jack» angespielt, ein Tanz, aber in der Sprache des Eisenbahnbaus auch der Gebrauch eines Presslufthammers. Wenn der aus den Schienen gesprungene Zug in der Tat auf einen erigierten Penis anspielt, was ist dann wohl der Presslufthammer, den sogar ein Priester einsetzen würde?

Hier also zum Text mit modernen englischen Wörtern in eckigen Klammern und unserer eigenen Übersetzung:

1. I hates to see dat ev'nin' sun go down / Hates to see dat ev'nin' sun go down / 'Cause ma baby, he done lef' dis town   Ich mag es nicht, zuzusehen, wie die Abendsonne untergeht / Ich mag es nicht, zuzusehen, wie die Abendsonne untergeht / Denn mein Schatz hat diese Stadt hier verlassen.
If I feel tomorrow lak [like] ah feel today / Feel tomorrow lak ah feel today / I'll pack up my trunk, and make ma git [my get] away   Wenn es mir morgen immer noch geht wie heute / Wenn es mir morgen immer noch geht wie heute / Dann pack’ ich meine Koffer und mach mich davon.
Saint Louis woman wid [with] her diamon' rings / Pulls dat [that] man 'roun' [around] by her apron strings / 'Twern't [It it weren’t] for powder an' her store-bought hair / De man I love wouldn't gone nowhere / nowhere   Diese Frau aus St. Louis mit ihren Diamantringen / die zieht diesen Mann an ihren Rockschössen, wohin sie will / Aber wenn es kein Puder gäbe oder ihre im Geschäft gekauften Haare / dann wäre der Mann, den ich liebe auch nirgendwohin verschwunden / Nirgendwohin
Got dem Saint Louis Blues I'm as blue as ah [I] can be / That man’s got a heart like a rock cast in the in de sea / Or else he wouldn’t go so far from me   Ich habe den Saint Louis Blues / Bin so traurig wie man nur sein kann / Dieser Mann muss ein Herz haben wie ein Stein, den man ins tiefe Meer wirft / oder sonst wäre er nie so weit von mir fort gegangen.
2. I Went to de gypsy get ma fortune tole [told] / To de gypsy, done got my fortune tole / 'Cause she most wile 'bout her Jelly Roll /   I ging zur Zugeunerin, um mir mein Schicksal erzählen zu lassen / Zur Zigeunerin, habe mir dort mein Schicksal erzählen lassen / Denn sie legt die meisten Männer mit ihrer Quarktasche rein.
Now dat gypsy tole her, "Don't you wear no black" / She done tole her, "Don't you wear no black / Go to Saint Louis, you can win him back"   Die Zigeunerin sagte mir: Trag bloss keine Trauer / sie sagte mir: trag bloss keine Trauer / Fahr nach St. Louis, denn Du kannst ihn zurückgewinnen.
If she git to Cairo, make Saint Louis by herself / Git to Cairo, find her old friend Jeff / gwine to pin herself, right there, to his side If she flag his train, she sho' can ride / And she sang   Wenn sie es bis Cairo schafft, dann kommt sie auch nach St. Louis / wenn sie es bis Cairo schafft, sucht sie dort ihren alten Freund Jeff / und sie wird sich dort an seine Seite heften, denn wenn auf seinen Zug aufspringen kann, dann fährt sie bestimmt / Und sie sang
Got dem Saint Louis Blues jes as blue as ah can be / Dat man got a heart lak a rock cast into de sea / Or else he wouldn't have gone so far from me   Ich habe den Saint Louis Blues / Bin so traurig wie man nur sein kann / Dieser Mann muss ein Herz haben wie ein Stein, den man ins tiefe Meer wirft / oder sonst wäre er nie so weit von mir fort gegangen.
Doggone it!   Verdammt
3. I loves day man lak a schoolboy loves his pie / Lak a Kentucky Col'nel loves his mint an' rye / I'll love ma baby till the day ah die   Ich liebe diesen Mann wie ein Schuljunge seinen Kuchen / wie ein Hauptmann aus Kentucky seinen Pfefferminz-und-Roggenwhiskey-Cocktail / ich werde meinen Burschen lieben bis zum Tag, da ich sterbe.
Now a black-headed gal makes a freight train jump the track / [I] Said a black-headed gal makes a freight train jump the track / But a long tall gal makes a preacher ball the jack   Ein schwarzhaariges Mädchen lässt einen Güterzug aus den Schienen springen / Ich sagte ein schwarzhaariges Mädchen lässt einen Güterzug aus den Schienen springen / aber ein langes dünnes Mädchen lässt [sogar] einen Priester zum Dampfhammer greifen.
Lawd, a blonde-headed woman make a good man leave the town / I said a blonde-headed woman make a good man leave the town / But a red-headed woman make a boy slap his pappy down   Bei Gott, ein blond-schopfiges Mädchen bringt einen guten Mann dazu, die Stadt zu verlassen / Ich sagte ein blond-schopfiges Mädchen bringt einen guten Mann dazu, die Stadt zu verlassen / aber eine rothaarige Frau bringt einen Jungen dazu, seinen Vater zu schlagen.

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