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Martin Scorseses The Blues

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Wenn Martin Scorsese und Clint Eastwood Regie führen, dann wird es sich um etwas Wichtiges handeln, oder? In der Tat, denn es handelt sich um den Blues. Diese DVD-Box ist der Versuch, dem Blues in seiner gesamten Vielfalt gerecht zu werden.

 

 Anlässlich des vom US-Kongress ausgerufenen «Year of the Blues» 2004 gab es Geld für Regisseure, damit diese ihre persönliche Hommage an den Blues filmen konnten. Das ganze stand unter der Leitung von Martin Scorsese, nicht nur einer der renommiertesten Hollywood-Regisseure (The Aviator, Raging Bull, Gangs of New York) mit dem Ruf, jeden Film gesehen zu haben, der je gedreht wurde, sondern auch erfahren in Musikfilmen. Scorsese drehte 1978 den Film über das letzte Konzert der legendären Dylan-Begleitgruppe The Band unter dem Titel The Last Waltz.

 

In dieser Sammelbox hat Scorsese den ersten Film beigesteuert: Feel Like Going Home. Dazu schnappte er sich den jungen Bluesgitarristen Corey Harris und unternahm eine dokumentarische Reise zu den Wurzeln des Blues. Die Reise führt die beiden vom Mississippi-Delta bis über den Atlantik nach Afrika an die Ufer des Niger in Mali.

 
 

Der Blues wird dabei in sein historisches Erbe eingegliedert und der Zuschauer erfährt viel über die Vorfahren der Musik. Was für die Nachfahren namenloser Sklaven nie möglich sein wird - ihre Vorfahren und ihre Herkunft zu kennen - das wird mit dem Blues möglich, dessen noch lebende «Verwandte» in Westafrika vorgestellt werden.

 
 

Im Film treten neben Corey Harris die folgenden Musiker auf: Willie King, Taj Mahal, Keb' Mo', Otha Turner, Habib Koité, Salif Keita und Ali Farka Toure. Zudem ist er reich an seltenen Archivaufnahmen.

 
 

Wim Wenders zeichnet verantwortlich für die zweite DVD: The Soul Of A Man. Von vielen vor allem Deutschen Lesern als bester Film der Serie gelobt, vermittelt Wenders etwas von seiner Blues-Begeisterung. Dazu verknüpft er Originalaufnahmen mit Nachinszenierungen, und erzählt dabei die Lebensläufe der frühen Country Blueser Skip James, Blind Willie Johnson und J.B. Lenoir. Diese werden zusammen montiert mit fiktionalen Szenen, Archivmaterial und aktuellen Coverversionen der Songs dieser drei Musiker von zeitgenössischen Kollegen, wie Garland Jeffreys, Cassandra Wilson, Nick Cave, Los Lobos, Eagle-Eye Cherry, Lou Reed, The Jon Spencer Blues Explosion, Lucinda Williams und anderen.

 
 

Der Titel The Soul Of A Man sucht eben die gemeinsame Blues-Seele der drei Pioniere, und Wim Wenders erzählte ihre Lebensgeschichten mit der gleichen Leidenschaft, die auch schon seinen Filmhit Buena Vista Social Club auszeichnete.

 
 

Regisseur Richard Pearce (Jahrgang 1943) macht sich dann in der dritten DVD auf in die grosse Stadt: The Road To Memphis folgt der B.B. King zurück in jene Stadt am Ende des Deltas, die im Süden als Geburtsstätte eines schnelleren und urbanen Stils des Blues gilt: Memphis, Tennessee.

 
 

Dabei wird deutlich, was Blues-Fans schon lange wussten: Memphis ist mehr als Elvis und Graceland. Pearce besucht die Sun Studios, in denen der genial Produzent der 50er Jahre, Sam Philips, neben Elvis, Johnny Cash und Jerry Lee Lewis auch einige der bekanntesten Blues-Songs aufgenommen wurden

 
 

Diese Hommage an das Tor des Deltas in die weite Welt zeigt die bekannte Beale-Street, wie sie heute als Touristen-Attraktion aussieht. Daneben gibt es aktuelle Auftritte von B.B. King, Bobby Rush, Gatemouth Moore, Rosco Gordon, Little Milton und Ike Turner, dazu historische Aufnahmen von Howlin' Wolf und Rufus Thomas.

 
 

Charles Burnett nimmt sich auf DVD 4 des Themas der Teufelsmusik an. Der Blues war - im Gegensatz zum Gospel - lange als Teufelsmusik verfemt, weil er sich mit den weltlichen Themen Drogen, Beziehungen, Eifersucht etc. auseinandersetzt (und weil im Blues die Blue Note wichtig ist, die verminderte Fünfte der Tonleiter, die lange vor dem Blues schon als Teufelsnote zweifelhaften Ruhm erlangt hatte).

 
 
 
 

Auf  Warming By The Devil's Fire unternimmt Charles Burnett (Jahrgang 1944) eine Reise in seine eigene Vergangenheit, die ihn von Los Angeles zurück nach Mississippi bringt. Er wurde in Vicksburg geboren, der Geburtsstadt von Willie Dixon.

Thema hier sind die Spannungen zwischen religiösem Gospel und dem Blues. Burnetts Film mischt dazu erneut dokumentarische und fiktionale Elemente. Er erzählt die Geschichte der großen Blueslegenden und zugleich die Geschichte eines Jungen im Jahr 1955 in Vicksburg, MS. Vicksburgs Sohn Willie Dixon spielt darauf Nervous von 1966.

 
 

Die fünfte DVD von Regisseur Marc Levin heisst Godfathers And Sons, was wohl eine Anlehnung an die Muddy-Waters-Disk Fathers and Sons ist, auf der Muddy mit den jungen (weissen) Bluesern Chicagos zusammen spielte.

 
 

Levin filmt die HipHop-Ikone Chuck D (von Public Enemy) und Marshall Chess bei der Produktion ihres gemeinsamen Blues-Albums in Chicago. Einfühlsam verknüpft Levin hierbei Hintergrundinfos und unbekanntes Archiv-Material von Howlin' Wolf und Muddy Waters mit Konzertaufzeichnungen von Koko Taylor, Otis Rush und Ike Turner. Der Blues ist in Chicago angekommen, und Chuck D zollt seinen Vorgängern Respekt.

 
 

Nach Afrika, dem Delta, Memphis und Chicago geht es auf DVD 6: Red, White & Blues über den Atlantik.

 
 

Regisseur Mike Figgins (Jahrgang 1948) nimmt sich des Themas British Invasion und der Wiedergeburt des Blues durch die weissen Mittelklasse-Jungs Grossbritanniens an.

 
 

In den Sechzigern war England das Herz einer pulsierenden sozialen Revolution. Nachkriegsjazz und Folk-Revival-Bewegungen streuten die Samen für eine neue Art von Blues, der stark vom schwarzen Blues aus den USA beeinflusst war. Die Musiker, die den Kern dieser neuen, britischen Blues- Bewegung bildeten, waren ganz den Urgesteinen des Blues wie Robert Johnson, Muddy Waters, Howlin' Wolf oder Freddie King verpflichtet.

 
 

Mike Figgis' Film mischt Interviews mit Dutzenden von Schlüsselfiguren des Brit-Blues mit der neuen Musik einer All-Star-Session. In den berühmten Abbey Road Studios interpretieren Tom Jones, Jeff Beck, Lulu und andere Blues-Standards neu.

 
 

Spezielle Titel hier sind Cry Me A River von Jeff Beck und ein Duett von Tom Jones und Jeff Beck zu Hard Times.

 
 

Clint Eastwood schliesslich zeichnet verantwortlich für die letzte und siebte DVD Piano Blues. Eastwood, neben Schauspieler und Regisseur auch Pianist, verfolgt seine lebenslange Leidenschaft für den Piano-Blues und wählt hierfür die Form einer Schatzsuche.

 
 

Seltene filmische Dokumente, Interviews und Auftritte von Blues Legenden wie Ray Charles, Fats Domino und Dr. John gerinnen zu einer eindrucksvollen Revue dieser Bluesrichtung.

 
 

Eastwood wurde schon früh in seinem Leben von seiner Mutter mit Fats Waller-Platten für den Blues geprägt. Er zeigt hier Live-Auftritte von Ray Charles, Dr. John, Marcia Ball, Pinetop Perkins, Dave Brubeck, Jay McShann und seltenes Archivmaterial von Otis Spann, Art Tatum, Albert Ammons, Pete Johnson, Jay McShann, Big Joe Turner, Oscar Peterson, Nat King Cole, Martha Davis, Fats Domino, Professor Longhair, Charles Brown und Duke Ellington.

 
 

Die letzten beiden Filme gehen zwangsläufig in die Genres Rock und Jazz hinein und so wunderbar Nat King Cole auch war, ein Blueser war er auch bei grosszügiger Definition nicht. Dasselbe gilt für Oscar Peterson und auch Art Tatum gehört fairerweise zum Jazz, zumindest was Phrasierung und die Auswahl der Stücke angeht. Gleichwohl ist dies eine faszinierende DVD, weil zu spüren ist, wie sehr sich Eastwood mit der Musik und der damit zusammenhängenden Gedankenwelt identifiziert.