сайт

Tedeschi Trucks Band Revelator

Die Offenbarung

Das hier zu besprechende Album ist nicht im musikalisch strengen Sinn ein Blues-Album, aber die elfköpfige Tedeschi Trucks Band um das Musikerpaar Derek Trucks und Susan Tedeschi pflegen einen Musikstil jenseits der 12 Takte (Rolling Stone nennt es «Dixie-Funk»), der Blues-Liebhabern zusagt. Da die CD zudem 2012 den Grammy als bestes Bluesalbum gewonnen hat, ist eine Besprechung durchaus angezeigt. Die Songs sind äusserst laid back, beissen aber an den richtigen Stellen auch mal zu. Das Album dreht sich seit Tagen in meinem CD-Spieler und es ist ein erstaunliches Stück Musik für diese Zeit. Was Tedeschi, Trucks und die neun anderen Kernmitlieder der Band hier abliefern knüpft an Delaney und Bonnie Bramletts Vorgaben an, indem die Songs aus dem Lautsprecher rollen, mit einem nie endenden Groove. Das ist musikalische eine Grossfamilie, die hier zusammenspielt, also das Erfolgsrezept von Delaney & Bonnie, aber auch der Allman Brothers Band. Hier entsteht es in neuem Glanz.

Was für ein Erstlingswerk: Revelator (=> «Der Offenbarer», hoffentlich auf die Musik bezogen und nicht auf das letzte Kapitel der Bibel) ist die erste CD einer Formation namens Tedeschi Trucks Band, die seit 2010 besteht. Die Band hat neben ihrem eigenen musikalischen Anliegen sicher auch die Bestimmung, den Ehepartnern Derek Trucks und Susan Tedeschi mehr gemeinsame Zeit zu ermöglichen. Nachdem beide als Musiker zuvor erfolgreich waren, wollen sie verständlicherweise zusammen touren.

Susan Tedeschi hat sich einen Namen gemacht mit ihrer eigenen Bluesband, die seit 1994 existiert (zahlreiche Grammy-Nominationen), Derek Trucks ist als Slide-Gott wohl bekannt, sowohl mit einer eigenen Band (seit 1994, Grammy 2010) und als Mitglied der Allman Brothers Band (seit 1999), wie es sich für den Sohn von Allman-Drummer Butch Trucks auch gehört. Als herausragendster Slide-Gitarrist seiner Generation ist Trucks zudem ein gerne gesehener Gast und so tourte er mit Eric Clapton und ist auf Aufnahmen von Buddy Guy, Elvin Bishop, Jerry Douglas oder etwa Herbie Hancock zu hören.

Auf Revelator spannen die Eheleute nun also erstmals auch im Studio zusammen, nachdem sie 2007 als Derek Trucks & Susan Tedeschi's Soul Stew Revival getourt hatten, ist es nun Tedeschi Trucks Band – Ladies First! Das Erstlingswerk der Band wurde in diesem Jahr von einer Live-Veröffentlichung Everybody’s Talkin‘ gefolgt, die der Redaktion nicht vorliegt, aber Aufsehen erregte dieses Studioalbum, und das zu Recht. Besser kann man groovige Musik nicht machen! Diese CD stellt man auf Dauerspielen und ist glücklich, das sollte auf keinem Ipod fehlen, es ist frische Musik die mehr ist als die Summe ihrer Teile.

Und das ist das Geniale an dieser Band: Zentral für den Sound ist natürlich die Kombination aus Trucks und Tedeschi, wobei die Erstnennung der Dame im Bandnahmen vielleicht doch mehr ist als Ritterlichkeit. Derek Trucks spielt hier nicht wie auf dem letzten Album seiner Band Already Free rotzigen, harten Blues, eher wie auf Soul Serenade oder Songlines: kreativ, musikalisch vielseitig und sein Slide stets in den Dienst der Songs gestellt. Dies ist alles andere als selbstverliebte Gitarrenmusik, obwohl die Sechssaiter natürlich stark vertreten sind, aber der Held hat sich zurückgenommen, die Band groovt als Ganzes, und das ist das Geheimnis.

Obwohl Rolling Stone die Kombination der beiden bezeichnet als einen «weiblichen Otis Redding, bewaffnet mit der Reinkarnation von Duane Allman», kommt das nicht ganz hin. Trucks ist ein ebenso versatiler Spieler wie es der ältere Bruder Allman war, wenn dieser der Legende zufolge auch erst an seinem 22. Geburtstag mit Slide-Spielen begonnen haben soll (Trucks war 9!). Aber Trucks nimmt sich hier zurück, macht dem Zuhörer Appetit auf mehr, wo er früher Füllhörner seines Sounds auf das Publikum ergoss. Auffällig auch, dass er hier eine Gibson Firebird spielt, nicht seine sonst übliche SG, vielleicht ist das bedeutsam. Und Susan Tedeschi mit Redding zu vergleichen, scheint doch allzu fern, denn zu unterschiedlich sind die Stimmen (Für Appetithappen der Songs hier klicken).

Susan Tedeschis Gesang ist stark von Bonnie Raitt beeinflusst und an gewissen Stellen lässt sie Amy Winehouse aufblitzen (Don’t Let Me Slide). Der Gesang ist eine Freude und sie verfügt über eine kräftige Frauenstimme, die viel Gefühl transportieren kann. Unterstützt wird ihr Singen durch Mark Rivers und Mike Mattison als «harmony vocalists». Mattison kommt von der Derek Trucks Band, derer seine Stimme lieh. Die Band hat einen dreistimmigen Bläsersatz (Trompete, Posaune, Sax) und mit Bassist Oteil Burbridge steht ein grosser Name am Tieftöner, der auch bei den Allman Brothers spielt. Tyler Greenwell  und J. J. Johnson werden beide mit «drums, percussion» angegeben, und auf vielen Aufnahmen haben sie die Aufnahmen aufgeteilt.

Durch die grosse Band entsteht ein Santana-ähnlicher polyrhythmischer Groove, der jedem Song seinen eigenen Charakter verleiht. Zu dem Album gibt es eine eigene Wikipedia-Seite, auf der die einzelnen Titel mit Komponist und Songdauer detailliert aufgelistet sind, deshalb wiederhole ich das hier nicht. Die meisten Titel sind von Tedeschi und Trucks geschrieben, stets in Kooperation mit anderen. Jeder Titel ein Gemeinsschaftswerk.

Wie gesagt, jeder Song ist ein Genuss, aber gewisst seien kurz erwähnt: Don’t Let Me Slide ist ein witziger Titel angesichts der Band, und ein Showcase für den Gesang. Ball and Chain ist nicht der Klassiker von Big Mama Thornton sondern eine neue Komposition. Der achte Titel These Walls sticht anfangs heraus als eine wunderbare akustische Aufnahme. Mit 6:02 ist der Titel lange genug, verschiedene Soli mit dem gemächlichen Konga-Rhythmus zu paaren. Shrimps and Grits (Interlude) kommt mit einem Reggae-tiefen Groove daher. Darüber das perfekte Solo. Ein Juwel von 1:47, schade dass es ausgeblendet wird. Das Zusammenspiel von Orgel (Kofi Burbridge) und Bass (Bruder Oteil Burbridge) auf Love Has Something Else to Say, gefolgt von einem kurzen und bewundernswert perfekten Wah-Solo der Gitarre.

All dies sind Momente der Freude, eine Feier der menschlichen Erfindung namens Musik, und zwar auf echte und verfälschte Art und Weise, wie das guter Blues auch ist. Und deshalb spielt es keine Rolle, wie die Titel harmonisch aufgebaut sind, Blues-schema oder nicht, das ist Blues. Was soll man sagen: man findet immer einen Grund, sich zu belohnen, beim nächsten Einkauf: nehmt die CD mit, ihr werdet es nicht bereuen!

Tedeschi Trucks Band – Revelator, 2012
Derek Trucks – Lead-Gitarre
Susan Tedeschi – Lead-Gesang, Rhythmus-Gitarre
Oteil Burbridge – Bass
Kofi Burbridge – Keyboards, Querflöte
Tyler Greenwell – Drums, Percussion
J. J. Johnson – Drums, percussion
Mike Mattison – harmony vocals
Mark Rivers – harmony vocals
Kebbi Williams – Saxophon
Maurice Brown – Trompete
Saunders Sermons – Posaune

Weitere Musiker

Oliver Wood - guitar and vocals
David Ryan Harris - guitar and vocals
Ryan Shaw - harmony vocals
Eric Krasno - acoustic guitar
Alam Khan - sarod
Salar Nader – tabla