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Seasick Steve - Man From Another Time

Fossil

Seasick Steve ist anscheinend ein lebendes Fossil. Der siebzigjährige Musiker aus Oakland in Kalifornien ist stets bemüht, seine Authentizität zur Schau zu stellen, und das gelingt ihm so anstrengungslos, dass man zum Schluss kommt, dass der Mann tatsächlich so ist, wie er sich gibt: ein zottelbärtiger Südstaaten-Traktorfarmer-und-Freizeit-Bluesman wie die Blueser der Gründerzeit. Aber Seasick Steve ist auch musikalisch verblüffend nahe dran an den grossen Vorbildern des ungehobelten, rohen Blues: Bukka White, Leadbelly oder Son House. In ihrer Tradition und ausgerüstet mit einer schönen Stimme schafft der Gitarrist mitreissende Roots-Musik. Aber in perfekter Aufnahmequalität und Transparenz ist diese Musik ein grosses Vergnügen.

Als Hörbeispiel haben wir uns für seine fünfte Veröffentlichung entschieden: um einen ersten Eindruck zu erhalten. Die CD heisst Man From Another Time (2009), und es ist ein Mann mit Gitarre alleine, gelegentlich mit Schlagzeugbegleitung. Es gibt inzwischen ein Gesamtoeuvre von sieben Alben, erschienenin schöner Regelmässigkeit seit 2004. Der Schlagzeuger ist offenkundig sein Freund, er wird im Booklet lediglich als Dan vorgestellt. Alle Stücke stammen von Seasick Steve selbst, einzige Ausnahme ist I’m So Lonesome I Could Cry von Hank Williams, das er als Zugabe hintendrein gibt. Auf der CD folgt das Stück erst nach einem Gespräch zwischen Steve und Dan. Als Mixer wird «King» Vance Powell angegeben, die Aufnahmen wurden in Nashville gemacht, das Mastering in London, denn Steve lebt in Europa.

Seasick Steve heisst mit richtigem Namen Steve Wold (1941-), und seine Biographe liest sich wie das typische Blues-Schauermärchen: mit 14 weg von zuhause, Hoboleben, gelegentliche Auftritte. Er schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch, Apfelernte oder im Tonstudio Kabel schleppen; er zieht in 30 Jahren 59mal um, schläft dazwischen auch schonmal unter Brücken. Er bleibt «street smart», aber wird nicht straffällig, sondern schlägt sich immer irgendwie durch. Dann bringt ihn die Liebe seiner Frau (und ein Herzinfarkt) ins ruhigere Norwegen, wo er mit über 60 sein erstes Album aufnimmt: Cheap. Von da an wird man aufmerksam auf Seasick Steve. Die voliegende CD heisst Man From Another Time, und man fühlt sich wirklich in der Zeit zurückversetzt, sobald der Laserstrahl die richtige Vertiefung gefunden hat und es losgeht.

Musikalisch ist Seasick Steve zumeist mit der elektrischen Gitarre ausgerüstet, die er strikt als Rhythmusinstrument einsetzt, aber wie bei den ersten elektrischen Bluesmusikern ist sein Gitarrenspiel keine «gelernt» elektrisches, sondern die Adaption einer akustische Gitarre auf das lautere Instrument. Die Stücke bestehen aus Riffs, meist mit Slide. Sie sind komponiert aus minimalsten Instrumentalpassagen, und von eigentlichen Soli kann man nicht sprechen. Er zeigt auf der CD hauptsächlich drei verschiedene Stilrichtungen: Schnelle Bluessongs mit Schlagzeug und viel Slide, langsame Balladen und betont rhythmische Slide-Blues auf der Akustischen Gitarre. Sein Gesang ist gradlinig, ehrlich und berührend. Er hat keine donnernde oder spezielle rauchige Stimme, sondern eine hübsche, eher hohe, typisch weisse Stimme, die in ihrer Gradlinigkeit und uneitlen Art eindrücklich wirkt. Seasick Steves Lieder erzählen von den Reisen, vom unterwegs sein, von den Härten des Lebens, von der Sehnsucht nach Hause, die immer gleichen Amerikanischen Themen. Die Texte sind berührend und poetisch, und deshalb ist es auch erfreulich, dass sie dem CD-Booklet beigegeben sind.

The Banjo Song zeigt ihn offensichtlich nicht an der Gitarre, es ist ein berührender und wunderbarer Solo-Blues. Ebenso ist Just Because I Can eine Country-Ballade, die auch von Johnny Cash stammen könnte, wenn man vom Slide absieht. Keb‘ Mo klingt etwas an. In diese Kategorie gehört auch Dark, das einen nur gestöhnten Refrain hat, bei dem Gitarre und Gesang genau auf denselben Tönen in einer Kadenz ins Dunkle fahren. Das geht unter die Haut wie Hookers T.B. is Killing Me oder Sitting in a Dark Room Crying, Blues als Katalysator für tiefe innere Trauer. Diese Songs haben unzweifelhaft etwas hypnotisches.

Big Green and Yeller oder Never Go West sind typische elektrische Songs. Diese leben von einem minimalistisch aber dadurch umso brachialer gespielten Lick, dazu klingt das Schlagzeug donnernd und verleiht dem Song zusätzliche Energie. Das ist einfach tolle Musik, ungeschliffen, unpoliert, aber deswegen nicht weniger virtuos. Wenatchee ist auch elektrisch, aber weniger heavy, Schlagzeug undarpeggierter Vierklang, wie viel einfacher kann gute Musik noch sein? Der Seasick Boogie zum Abschluss ist erneut ein hypnotischer Boogie. Wer da nicht mit dem Fuss tappt hat ein echtes Problem.

Die akustischen Songs sind etwas rarer: Happy ist ein schneller Slide-Blues, nur mit Gitarre (Typ Walking Blues), der Titelsong Man From Another Time ebenfalls, My Home mit dem Nebentitel Blues Eyes ist erneut mehr Country als Blues. Diese Titel zeigen einen ebenfalls virtuosen Steve aber ohne die Hilfe des Schlagzeugs und damit auf eine neue und ebenso ansprechende Weise.

Was Seasick Steve in seiner Musik macht, ist sicher nicht neu und nicht innovativ, man hat solche Songs schon gehört und er erinnert in Passagen an das Pantheon des Blues: Blind Willie McTell, Leadbelly Reverend Gary Davis, Louisisana Red, R.L. Burnside, Bukka White oder Son House klingen bei Steve an. Er ist ein entdeckter Rohdiamant, vergleichbar den ebenfalls gegen Ende ihres Lebens erfolgreichen Musikern John Dee Holeman oder Willie King (1943-2009).

Aber er ist einer diese Musiker, für deren Reifung es ein ganzes Leben braucht, und er hat dieses Leben gelebt, ist «The Real Deal». Seine Musik ist aber mehr als nur ein Image: es ist lebendige Tradition und das in bester Form. 2008 trat Seasick Steve am Glastonbury Festival auf, wäre schön, wenn er in der nächsten Festival-Saison auch in der Schweiz zu sehen wäre.

Seasick Steve - Man From Another Time (2009)
1. Diddley Bo
2. Big Green and Yeller
3. Happy [To Have A Job]
4. The Banjo Song
5. Man From Another Time
6. That's All
7. Just Because I Can [CSX]
8. Never Go West
9. Dark
10. Wenatchee
11. My Home [Blue Eyes]
12. Seasick Boogie