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Dr John und The Lower 911 Tribal

 Der Hexer aus New Orleans

Nach über 70 Jahren Lebenszeit und nach über 50 Jahren Bühnenerfahrung hat Malcolm John Rebennack, Jr. seine Bühnenpersönlichkeit gefunden: Als Dr. John ist er der Weisse Voodoo-Hexer, der die Pianotradition New Orleans’ fortführt und dies unterstützt durch Mojos, Federboas und allerlei abergläubischen Schnickschnack. Nach einem Zwischenspiel als «Southern Gentleman» ist er nun zurück zu seinen Ursprüngen und geriert sich erneut als «The Night Tripper». Und die Rückkehr zu seiner beads-behangenen Grusel-Geisterbahn-Person tut ihm gut: eine Grammy-Nomination ist der Lohn für sein aktuelles Album, das seit Herbst 2010 erhältlich ist: Tribal ist eine faszinierende CD, auf der die Musik durchgehend stimmt und die einen Meister seines Faches bei der Arbeit zeigt.

Auf Tribal hat sich Dr. John Unterstützung geholt durch eine Reihe von Bekannten, vor allem durch Alain Toussaint als Co-Writer, und auf einem Song gibt es einen Gastauftritt von Derek Trucks. Das Album kann man zu Recht als musikalisches Gumbo bezeichnen: alles Mögliche wird zusammengeworfen und ergibt einen schmackhaften Eintopf. Das Album ist sehr einfallsreich, es bringt eine Mischung aus Swamp Blues, Funk und Karibischen Rhythmen, alles auf der Basis dieses aufreizend entspannten Klaviers der New Orleans-Tradition. Dr. John bringt die Musik, die er seine gesamte Karriere hindurch schon macht, aber auf diesem Album klingt sie frisch, ideenreich, mitreissend. In einem Wort: sexy.

Rebennack schrieb die meisten Titel auf dieser CD selbst, zwei stammen von Alain Toussaint (Big Gap, Them), und einer von Harold Battiste (Music Came). Der Louisiana singer/songwriter Bobby Charles schrieb zusammen mit Dr. John die Titel Change Of Heart, Tribal und Potnah, verstarb aber im Januar 2010. Das Album ist ihm gewidmet.

Wie zuvor schon «Screaming» Jay Hawkins setzt auch Dr. John auf alle verfügbaren Klischees für sein neu wieder-entdecktes Images als Voodoo-Meister. Er scheint an seine Kunstperson «The Night Tripper» anzuknüpfen, die er für sein Debüt-Album Gris-Gris geschaffen hat: Federn, Perlen, Stoffe, fliessende Tücher, Muscheln, Tierknochen und all die anderen Voodoo-Paraphernalien bemüht Dr. John wieder auf der Bühne, aber auch auf den wenigen Fotos in der CD. Das Cover selbst ist eine an «Art Brut» erinnernde Zeichnung des bärtigen Sängers. Doch wirklich entscheidend ist ja die Musik, und hier hat er tolle Unterstützung durch die eigentliche Band: Herman «Roscoe» Ernest III an Schlagzeug und Perkussion. Er hat das Album auch produziert. Hinzu kommen Bassist David Barard, Gitarrist John Fohl und ein weiterer Perkussionist: Kenneth «Afro» Williams. Alle Mitglieder der Band singen auch Backing Vocals. 

Die Musik ist wie angetönt makellos. Auf dieser CD geht einfach die Post ab, sie zieht einen rein und obwohl manche Stücke ähnlich klingen, hört man die CD gerne durch. Das ist einfach grosse Klasse, und als einziger Wermutstropfen steht wie immer, dass man den guten Doktor einfach kaum versteht. Er bemüht sich zwar, ansprechende Texte zu schreiben, aber nuschelt dermassen unverständlich, dass die Stimme hier wirklich mehr ein weiteres Instrument ist. Aber natürlich gehört das bei Dr. John dazu, das kennt man und erwartet es fast. Der mitreissenden Natur der Musik tut dies auch keinen Abbruch.

Das Album legt gleich fetzig los: Feel Good Music heisst der erste Titel, was sicherlich kein Zufall ist. Das ist programmatisch gemeint. Lissen at Our Prayer ist eine Ballade, aber kein Slow Blues. Zeitweise bleibt John auf einem Akkord, spielt herrlich mit den musikalischen Spannungen. Der Song ist ein spiritueller Titel über die Erde, die Menschen, politische Verschwörungstheorien und die Schöpfung («Mother earth, father sky»). Big Gap ist ein Song mit sozialpolitischem Anspruch, in dem der nach dem Hurricane «Kathrina» sehr engagierte Sänger die Ungerechtigkeiten der Verteilung materieller Güter auf der Welt beklagt.
When I'm Right (I'm Wrong) dreht sich, wenn ich es richtig verstehe um einen Mann, der Stress mit seiner Frau hat, aber hier wird es bereits schwierig, mehr als den Refrain zu verstehen. Jinky Jinx kommt musikalisch mit schwerem Swamp-Feeling daher und spielt mit den Voodoo-Themen. Einem Mann wird plötzliche Unglück zuteil und er weiss nicht, was ihm geschieht. Die Hasenpfote hilft nicht mehr. Ist es ein Fluch? Der Song auf jeden Fall ist eher ein Segen. Wirklich tolle Musik. Glück und Unglück im Leben sind auch das Thema der nächsten Songs Change of Heart und Sleepin' In My Bed, Showcases für das Klavier, aber wirklich kein Blues mehr. Der zweite Titel hat stark synkopierte Rhythmen und geht sofort in die Hüften.

Whut's Wit Dat beklagt die Versorgung der Amerikaner mit ungesundem Essen. Dr. John, der selbst auch zumindest ansatzweise mit Übergewicht zu kämpfen hat, tritt für mehr Grünfutter in der Ernährung ein. Bessere Nahrung ist gesünder und billiger. Der Titel wurde verwendet für eine US-Fernseh-Dokumentation mit dem Titel Food Inc. Vielleicht nützt’s ja was. Der Titel klingt allerdings etwas angestrengt, hier bleibt die Lockerheit anderer Titel weg.  

Tribal, der Titelsong, beginnt mit einem Chor trommelnder und singender «Stammesbewohner», also den Angehörigen der Tribe. Der Titel erinnert etwas an Teile des 80er-Jahre Albums Somewhere in Africa von Manfred Mann’s Earth Band. Die Quinnteessenz lautet: «We don't need feathers, and we don't need no paint. We on a quest to see who is and who ain't.» Wie schon im zweiten Titel kommt auch hier wieder eine spirituell-naturalistische Seite zum Ausdruck. Der Titel spielt ideenreich mit musikalischen Genres und bietet viele schöne Passagen.

Die spirituelle Seite kommt auch im nächsten Song Them zum Ausdruck. Der Titel ist sehr funky und strahlt erneut Spielfreude aus. Im nächsten Titel Only in Amerika wird der zumeist patriotische Spruch auf den Kopf gestellt: es ist eine Warnung, wohin die «letzte verbliebene Supermacht» hinsteuert: Hunger, Kollaps des Erziehungssystems, Finanzkrise und schliesslich der Zusammenbruch der Familienstruktur. In all diesen Titeln mit gesellschaftlichem Anspruch bleibt allerdings ein gewisser Humor zu hören, dies sind keine Anklagen eines wütenden Punks, dies ist der abgeklärte Weise aus dem Bayoo, der die Welt erklärt.

Manoovas stellt die grösste musikalische Abwechslung dar, weil Derek Trucks hier seinen Slide-Sound beisteuert. Dies ist der am stärksten im Blues verwurzelte Titel des Albums. Dr. John hat bereits fünf Grammies gewonnen (zuletzt 2008 mit City That Care Forgot), also wird er es verschmerzen können, dass es diesmal nicht geklappt hat. Er hat aber ein Album abgeliefert, dass die Auszeichnung ebenso verdient hätte, wenn auch das Blues-Feeling nicht immer gleich ausgeprägt ist, ja streckenweise ganz auf der Strecke bleibt. Ein New Orleans-Album ist dies viel eher als ein Blues-Piano-Album. Aber aus New Orleans kommt im Moment nichts innovativeres als diese Musik. Ein echter Wurf ist hier gelungen.

Dr. John & The Lower 911 - Tribal
Dr. John: vocals, piano, organ
Herman «Roscoe» Ernest III: Backing vocals, drums, percussion
David Barnard: Backing vocals, bass, lead vocals on 13
John Fohl: Backing vocals, guitar
Kenneth «Afro» Williams: Backing vocals, percussion
 
Weitere Musiker

Alonzo Bowens: trump, sax
Charlie Miller: trump
Carl Blouin: bariton sax
Donald Harrison: alt sax auf 13, 16
Marcel Richardson: additional piano and organ
Herman Ernest duet voc on 10
Derek Trucks: Lead Gitarre auf 14.

 
1. Feel Good Music                           3:29
2. Lissen At Our Prayer                     4:02
3. Big Gap                                          4:43
4. Change Of Heart                           3:41
5. When I'm Right, I'm Wrong           4:15
6. Jinky Jinx                                       3:24
7. Manoovas                                       4:08
8. Tribal                                               6:53
9. Music Came                                   4:10
10. Them                                            3:18
11. Only In Amerika                           3:10
12. Whut's Wit Dat                             4:33
13. Potnah                                           4:18
14. A Place In The Sun                       4:19