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Ginger, Live

 Ginger Live, 2008

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Die ist eine phantastische CD, ein beachtlicher musikalischer Exploit der tollen jungen Schweizer Band Ginger. Das hier zu besprechende Album Live Zürich ist ein Konzertmitschnitt von einem Auftritt im Frühling 2008 im «Kulturmarkt» in Zürich, und die CD ist schlicht der Hammer.

Die Band legt einen feurigen und hoch konzentrierten Auftritt hin, in dem sie weitschweifig ihre spezielle Musik zelebrieren. Das kürzeste Stück ist mit 5:08 das Intro, die weiteren sind weit über sieben, zum Teil über zehn Minuten. Der Sound von Ginger ist die detailgetreue Reproduktion von 1970er Jamrock, dezent modernisiert bei den Gitarrenklängen. Man mag den Sound auch als eine Form des «Alternative Rock» bezeichnen oder meinetwegen als «Retro- Grunge», oder, wie die Band selbst es nennt: «Psychedelischer Bluesrock» aber was damit gemeint ist der stark gitarrenlastige und stets übersteuerte Sound, in dem Soli dann enden, wenn der Gitarrist meint, dass jetzt genug sei. Eric Clapton bezeichnete den Sound bekanntlich einst als «Woman Sound», und er meinte damit grosse Verzerrung aber rausgedrehte Höhen, so dass ein hohler heulender, zuweilen schluchzender Klang entsteht. Dazu kommen Fuzz-Box, Wah-wah und alle weiteren Mittel, den Klang zu verfremden.

Wir sprechen mit anderen Worten von einer Musik, die sich stark an den folgenden Vorbildern orientiert: Pink Floyd, The Doors The Grateful Dead, Iron Butterlfy Jimi Hendrix, Lynyrd Skynyrd, Cream oder auch Gary Moore. Diese Musik hat es an sich, dass sie leicht klingt, aber schwer zu spielen ist. Die erforderliche Lockerheit dabei, die stilistische Sicherheit und das Gefühl für die anderen Bandmitglieder und deren Verhalten muss gut eingespielt sein. All dies trifft auf Ginger zu. Die Musik folgt natürlich den festen Regeln des Songs wie der Harmonieabfolge, aber es ist offene Musik, denn sie ist stets improvisiert. Die Band behauptet selbstbewusst  http://ginger.restorm.com : «Improvisation ist ein wichtiger Faktor in Gingers Musik. Dasselbe Set zwei Mal zu spielen, existiert in ihrer musikalischen Welt nicht.».

MarcWalser.pngDie eigene Website der Band gibt weiteren Auskunft über den Hintergrund und die Diskographie der Band: 2007 effektiv gegründet, spielte Ginger bereits über 70 Konzerte, und nach allem zu urteilen, was man auf Live Zürich zu hören kriegt, könnten es bald mehr sein. Die Band besteht aus dem Kernduo Marc Walser (Gitarre, Vocals) und Arie Bertogg (Bass), die bereits zu Schulzeiten zusammen spielten. Dazu kommen Micha Bütikofer (Vocals, Gitarre, Trompete) und Andy Rösch am Schlagzeug.

Ihrer Musik zuzuhören, ist pure Freude. Vorausgesetzt, man steht auf ausgedehnte Soli und Jam-Sound (Country-Bluespuristen Finger weg!). Obwohl die Band eine Jam-Formation ist, ist wenig vom Sound der Allman Brothers Band zu hören, eher Led Zeppelin, wenn auch nicht so heavy. Die Band bleibt im psychedelischen Bereich, aber hier kommen nicht vier breitgekiffte Möchtegern-Hippies auf die Bühne, sondern die Band nimmt diese Musik wirklich und zutiefst ernst. Sie berauscht sich an den Klängen, an der Ungezwungenheit, am freien solieren, und die Mitglieder der Band haben viele viele Platten sehr genau angehört.

Das Intro deutet an, was alles möglich ist, Pink Floyd und Grateful Dead klingen an, wenn auch der Gitarrensound eher nach Floyd klingt. Die Band findet sofort in den ruhigen Groove und Arie legt mit ihrem Bass ein solides Grundwerk, armiert mit Ändus Schlagzeug. Hierauf können die beiden Gitarren ihre vielleicht mit sich ineinander windenden Schlagen vergleichbaren Melodielinien weben. Der Übergang zu Big Fish ist wie alle weiteren auch, butterweich. Die Band nimmt erfreulicherweise weniger Applaus in Kauf für einen gelungenen Songübergang.

ArieBertogg.png Auf Big Fish wird dem Wah-wah mal wieder einiges abverlangt, und erstmals kommt hier der perfekt dazu passende Gesang dazu: Ein bisschen Jim Morrison, ein wenig Jack Bruce, die Gesangslinien im engen harmonischen Bereich gehalten, kommt genau die Retro-Art des Gesangs heraus, die man aus Aufnahmen der 60er und 70er Jahren kennt und liebt. Dazu werden die Texte lakonisch intoniert, wunderbar.

Das folgende Jam For Nobody bringt mehr Struktur, und erstmals kommt hier der spezielle Twist der Band zum Einsatz: Michas Trompete. Er setzt einen hellen und klaren Trompetenton auf die Musik, der stark Miles Davis-beeinflusst ist, und mit derselben verhaltenen Art daherkommt wie jener des grossen Miles. Das Solo der Trompeten ist sehr fein, während das folgende Gitarrensolo an Gary Moore erinnert und eher brachial daherkommt. Aber die Kombination Trompete und E-Gitarre funktioniert, die beiden ergänzen sich.

Das folgende I Can See Them All baut zunächst auf ein Dreiklang-Arpeggio in einer einfachen Kadenz auf, das dann zum vollkommenen Psychedelic-Chaos mutiert. Angefeuert durch das Schlagzeug wird die Musik durch den Gesang der Strophen und den unterlegten Gitarrensound dichter und dichter und explodiert in ein gewaltiges Solo, diesmal rotzig verzerrt. Hier klingt Jimmy Page an und der Song kreiert automatisch ein psychedelisches Video im Kopf. Wie es sich gehört, klingt das Lied fein und zärtlich aus.

Es folgt die erste klassische Blues-Nummer: Jimi Hendrix' Red House Blues. Das Intro lässt aufhorchen: wird dies wohl traditionell gespielt? Es zeigt, dass man die Basis drauf hätte, sich aber anders entschieden hat. Der Gesang ist hier der Aufgabe nicht ganz gewachsen. Zum einen reicht er hier nicht ganz an Hendrix heran, zum anderen scheint mir die lakonische und coole Art der Stimmführung für diesen Song nicht so geeignet.

Beim Solo scheint es zunächst, als verrenne sich die Gitarre im Dickicht der Klänge, und gerade als man sich fragt, wo das Solo hingeht kommt die Trompete wie der strahlende Reiter und reisst das Solo an sich und führt das Lied zurück ins Licht. Es folgen darauf wieder Gitarrenklänge, diesmal zunächst präzise Pink Floyd-Klänge, die mit dem Bass ein Zwiegespräch halten. Nun folgt der modernisierte Sound: Das zweite Gitarrensolo steuert auf einen weiteren Höhepunkt zu, und hier greift man nun zum Klang à la Stevie Ray Vaughan, diesem heissen Texas-Sound, ehe der Gesang wieder einsetzt.

Es folgt mit 12:22 das längste Stück: Glapf I & II, ein Song, der zunächst als Funkstück beginnt, aber inzwischen weiss man, dass da noch was kommen muss. Und tatsächlich, nach 1:40 beginnt das erste Gitarrensolo, offensichtlich dasjenige der Strat. Die Trompete gesellt sich dazu und bringt etwas zusätzlichen Punch. Nach etwa sechs Minuten folgt ein Rhythmuswechsel, der offenbar den Übergang zu Glapf II markiert. Hier spielen Leadgitarre und Gesang dieselbe Melodielinie mit bekanntem Effekt: die Stimme hallt sonderbar, singende Saiten und Stimmbänder überlagern sich, harmonische Interferenzen spielen mit dem Gehörsinn, Verwirrung und zugleich Wohlbefinden: so lässt sich der Sound von Ginger zusammenfassen. Zum Schluss gibt es noch ein Les Paul-Solo. Zum Schluss verlangsamt Glapf I & II so dass man Gänsehaut kriegt.

Und dann folgt Hoochie Coocie Man ein Lied, von dem es eigentlich nicht mehr viele neue Versionen braucht. Aber Ginger frischt selbst Willie Dixons Klassiker auf, mit fast acht Minuten lässt man sich auch die Zeit dafür. Zu Beginn wird das Riff von der Trompete gespielt, was einen santen Latin-Touch vermittelt. Die Trompete bringt einen neuen Aspekt des Songs raus. Nach der zweiten Strophe beginnt der Jamteil, in dem Gitarre und Trompete sich auf Wettläufe einlassen, unbarmherzig vom Schlagzeug vor sich her getrieben.

Ginger ist eine faszinierende Band. Natürlich ist ihre Musik Retro, selbstverständlich orientiert sie sich an den Grössen der Rockmusik, aber erstens orientiert sie sich an den grössten Grössen des Genres, was sicher nicht verkehrt ist, und dann gibt es eben diesen Sound nicht mehr. Ginger haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Sound lebendig zu halten, der aus dem Blues den Rock geformt hat, und sie machen das vorbildlich, zum Teil besser als die alten Klassiker. Die Trompete dazu macht den Sound einmalig. Ginger ist ein wirklicher Lichtblick. Der Sound der Band ist bereits toll entwickelt. Als weiteres Versatzstück könnte man sich vielleicht noch eine Orgel vorstellen. Mit der liesse sich dann In-A-Gadda-da-Vida aufführen, was zumindest ich gerne mal live hören würde. Nach dieser Aufnahme ist klar: Ginger hat das Zeug dazu, aber auch zu allem anderen, für das sie sich entscheiden.

Aufgenommen 2008 im Kulturmarkt Zürich

1. Intro
2. Big Fish
3. Jam For Nobody
4. I Can See Them All
5. Red House
6. Glapf I + II
7. Hoochie Coochie Man

Marc Walser (Gitarre, Stimme)
Arie Bertogg (Bass)
Andy Rösch (Schlagzeug)
Micha Bütikofer (Gitarre, Stimme, Trompete)