Bücher

Adam St. James The Blues Guitar Handbook

Hohe Erwartungen

«Hal Leonard» ist der marktführende Verlag im Bereich der autodidaktischen Gitarrenliteratur und Notentrakskription. Sie teilen den Markt mit ihrem wohl grössten Mitkonkurrenten «Mel Bay», aber der Branchenprimus ist klar «Hal Leonard». In ihrer Verlagsreihe «Backbeat Books» ist nun ein Werk erschienen mit dem all-umfassenden Titel The Blues Guitar Handbook : A Complete Course in Techniques and Styles, verfasst und aufgenommen von Adam St. James, einem Musikjournalisten. Das Buch umfasst 256 Seiten und eine beigelegte CD, und Adam St. James verspricht auf dem Cover, dass man mit diesem Kurs alles erlerne, was man zu wissen brauche und dass man mithilfe des Buches alle Stilrichtungen des Blues erlernen könne, «from basic to advanced». Das sind selbstverständlich Marketing-Sprüche. Doch in welchem Mass wird dieser Kurs dem eigenen hohen Anspruch auch gerecht?

Um den Hintergrund zu erklären, vor dem ich dieses Buch rezensiere: Ich spiele selbst seit 20 Jahren Gitarre, hatte nie einen Lehrer und habe mir praktisch alles mithilfe von autodidaktischen Hilfsmitteln beigebracht (mit der Grundlage «Mel Bays» Mel Bay’s Complete Blues Guitar Book von Mike Christiansen). Deshalb hat mich Adam St. James‘ Buch interessiert und wenn ich es auch nicht das gesamte Werk mit der Hand an den Saiten durchgearbeitet habe, so gibt die Lektüre doch genügend Eindruck. Das Urteil: ein gutes Buch für Anfänger, aber bei weitem nicht «everything you need to know», aber einer grundlegender Kurs, bei dem man zumindest die Mittel in die Hand bekommt, um weiter zu suchen. Insgesamt aber ist das Buch etwas sehr geschwätzig, du der Anspruch, alles rein zu bekommen führt zu Oberflächlichkeiten.

Das Buch kommt in harten Pappdeckeln daher, vermittelt so auch haptisch den Eindruck eines Grundlagenwerks. In den Deckeln allerdings ist das Buch nicht normal gebunden, sondern eine Ringbindung anthält die gelochten Einzelseiten, so dass man das Buch auf jeder Seite problemlos offen liegen lassen kann, ohne dass es von selbst zuklappt (aber man kann es nicht auf diesen Seiten aufgeblättert liegen lassen). Der Kurs ist in eine Einführung (S. 4-44) und drei eigentliche Unterrichtslektionen geteilt, die der Autor nannte: Blues Guitar Basics, Mastering a Blues Sound und Blues Styles through the Ages. Im hinteren Deckel eingeklebt befindet sich die CD in einer Plastikhülle.

Die Einführung erzählt die Geschichte der Gitarre im Blues, und wie wohl nicht anders zu erwarten, ist der Blues gleichzusetzen mit der Gitarre. Viele Bilder von Reverend Gary Davis, Blind Lemon Jefferson bis Jeff Beck und Corey Harris illustrieren dieses Narrativ. Andere Gitarrenkurse haben bei weitem nicht eine so umfassende Einführung, aber gerade eine solche Einführung wäre auch die Chance gewesen, darauf hinzuweisen, dass Bluesmusik vor dem Zweiten Weltkrieg in grossen Teilen Klaviermusik war. Die Aspekte der Unterhaltung, die Samstagabende in Tanzschuppen werden nicht erwähnt, Blues als Bandleistung wird verschwiegen, stattdessen betont der Autor den einsamen Gitarristen und seine Stellung im Blues, was wohl den angepeilten Käufer des Buches ansprechen soll. Als diesen stellt sich St. James wohl jemanden vor, der in der Einsamkeit seines (elterlichen?) Vorstadthäuschens etwas Blues spielen will und der sich dann mit den Helden identifizieren kann. Die Einführung wirkt umfassend, aber sie ist m.E. zu geschwätzig und dafür zu wenig akkurat in ihrer Darstellung. Abgeschlossen wird sie mit einer Liste von 50  kanonischen Gitarristen, die man kennen muss, angefangen natürlich bei Robert Johnson und Big Bill Broonzy und weiter bis zu Billy Gibbons, Duke Robillard, Kenny Wayne Shepherd und Derek Trucks.

Trotz der Tatsache, dass umfassend über die Geschichte und die Instrumente erzählt wurde, beginnen die Lektionen dann mit weiterem Gelaber. So schreibt St. James (Bild rechts) in der Rubrik «Wieviel man für ein Instrument ausgeben sollte» (das NICHT in der Einführung steht!): «If you’ve got $75‘000 or so to spend on a vintage 1957 Gibson Les Paul, go for it», kommt dann aber bald auf die erschwinglicheren Varianten zu sprechen. Die Frage bleibt: was soll das? Hier wären für einen Anfänger konkrete Informationen m.E. sinnvoller als Clichés – beispielsweise wäre eine technische Diskussion angebracht, worauf man achten sollte beim Kauf eines Instruments: Singlecoils vs. Humbucker, Silidbody vs. Halbakustisch, Ahorn-Griffbrett vs. Palisander. Stattdessen bleibt der Autor im ungefähren.

Ab S. 54 (und damit 10 Seiten nach Ende der Introduction) beginnt eine Einführung ins Lesen von Tabulatur, das übergeht in grundlegende Musiktheorie wie die Erklärung, was eine halbe und was eine Viertelnote ist. 20% des gesamten Kurses sind bereits durchgeblättert, aber der oder die gierige Bluesadept, bzw. Adeptin haben noch nicht einen Ton gespielt. Ab S. 70 folgt dann mehr Musiktheorie, also Einführung in Halbtonschritte und Ganztonschritte und in die Chromatik. Freilich bleibt all dies Klappentextwissen, weil der Raum für die Tiefe fehlt, und tatsächlich auch nicht hier gewährt werden sollte.

Ab S. 87 geht es dann ans eigentliche Spielen. Hier folgen Erklärungen zum 12-Takt Schema des Blues, aber auch Erklärungen zu anderen Formaten wie 8-Taktern und 16-Taktern. Hier kommt nun plötzlich Fleisch an den Knochen. Wenn man diese Schemata durchspielt kriegt man doch eine gute Ahnung vom Aufbau von Bluessongs, zumal St. James hier auch Beispiele benennt: Heartbreak Hotel und Walking By Myself sind 8-Takter, letzterer mit schnellem Wechsel (mit den Stufen I-I-I-I-IV-V-I-V). Das ist informativ und hilft beim Anhören und Analysieren der Aufnahmen.

Es folgen die wichtigen und unabdingbaren Grundlagen: was ist ein Shuffle-Rhythmus, wie kriegt man Rhythmusgefühl? Powerchords werden erklärt, und hier lernt man viele Grundlagen für das spätere Spiel und wer sich die Zeit nimmt, diese Dinge gut zu lernen, wird davon profitieren. Allerdings bleiben die Lektionen kurz. Wenn man drei Takte mit verschiedenen Akkorden zeigt und man dann selbst diese auf das 8, 12 oder 16-Taktmuster applizieren soll, kann das schwierig werden. Bei der Besprechung von Septakkorden wird die Basis der Musiktheorie von Teil 2 wieder belebt und dies führt dazu, dass der Autor hier viel Stoff auf wenig Raum vermitteln kann.

Ab S. 139 folgen einige Riffs, stets nur in den Blues-Boxes der ersten Position der pentatonischen Tonleiter gehalten. Der Autor bemüht sich, aufzuzeigen, was man alles aus der Pentatonik herausholen kann, wie man Riffs und Rhythmusspiel kombiniert, aber eine übersichtliche Belegung des Griffbrettes fehlt leider. Auf S. 156 fehlt die Tabulatur zum Riff von Hoochie Coochie Man. Zum Schluss dieses Teils folgt ab S. 157 der Abschnitt «Blues lead guitar», in dem dann die Skalen ausgeweitet werden auf das ganze Griffbrett. Der Autor versucht hier erneut wortreich die Zusammenführung von I-IV-V-Akkorden und der Pentatonik zu erklären. Ich kann nicht beurteilen, wie das für jemanden wirkt, der das noch nicht wissen sollte, aber die Gefahr von Verwirrung schient mir durchaus gegeben. Verschiedene diatonische und pentatonische Tonleitern werden dann zusammengeführt, womit das im Blues eigentlich beliebte und bewährte Motto «weniger ist mehr» komplett über Bord gekippt wird. Das gibt zwar erlaubte Töne, aber keinen schönen, weil es zu viele Noten sind, die gespielt werden wollen.

Ab S. 200 versucht der Autor dann Gegensteuer zu geben: Hier geht es um Artikulation, um Bends und darumn, nicht einfach Noten zu spielen sondern etwas auszusagen damit. Pre-bends, Vibrato und andere Techniken werden diskutiert, und die Begleit-CD leistet hier gute Dienste. Der letzte Teil dieses Buches (ab S. 216) bietet dann einen Schnelldurchlauf durch die Zeiten und einen Blueform in den Stilen von Robert Johnson, Brownie McGhee (als die einzigen Repräsentanten des akutsichen Blues!), Muddy Waters, Elmore James, John Lee Hooker, B.B. King, Eric Clapton, Stevie Ray Vaughan, T-Bone Walker und Robben Ford. Das ist gerade genug, dass man hoffentlich weiss, wo man weitersuchen muss.

Insgesamt ist es kein schlechtes Buch, aber der Anspruch, den gesamten Blues mit seinen Facetten zwischen zwei Deckel zu pressen, ist etwas hoch gegriffen, so wird der akustische Country Blues des Delta kaum erwähnt, die Grundlage ist klar der elektrische Blues Chicagos und der Kings. Dieses Buch ist bestenfalls eine gute Einführung in die Grundlagen, aber sicher kein Lehrbuch, das den Titel «Complete» verdient hätte. Denn das wäre eine mehrbändige Enzyklopädie, ist der Blues doch glücklicherwseise vielschichtiger.

Adam St. James - . The Blues Guitar Handbook : A Complete Course in Techniques and Styles - . Milwaukee, Wiss: Backbeat Books, 2011 - . ISBN 978-1-61713-011-3