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Jung oder Alt — das Genie bleibt

AllenToussaintaltAmericanTunesCDCoverDer erste Todestag des Komponisten, Arrangeurs, Songschreiber, Produzenten und Pianisten Allen Toussaint (1938–2015) jährt sich am 10. November (hier unser Nachruf) und bluesnews.ch hat die Publikation seines posthumen Albums American Tunes zum Anlass genommen, dieses Spätwerk mit Toussaints früher Schaffensperiode zu vergleichen, als er von 1972 bis 1978 mehrere Alben für «Warner» herausgebracht hat. Diese Aufnahmen sind 2003 erschienen auf dem Doppelalbum The Complete Warner Recordings. Der Unterschied zwischen dem jungen Arrangeur und Produzenten in seinen Dreissigern, und dem Elder Statesman des New Orleans Pianos, den er als gesetzter Herr gab, ist stilistisch offensichtlich, nicht aber, was die Virtuosität und das legendäre Rhythmusgefühl des Bandleaders angeht. Die Warner-Titel sind eine Wundertüte, aber darin finden sich Trouvaillen von rarer Schönheit. Gemeinsam mit den Covers auf American Tunes demonstrieren die beiden Alben die Vielseitigkeit dieses Mannes, den man als «Cole Porter von New Orleans» bezeichnet hat.

Gelegenheit zum Vergleich bieten die beiden Alben The Complete Warner Recordings und American Tunes, das 2016 erschienen ist. Das erste ist eine Compilation der folgenden Alben: Tracks 1–12 sind von Life, Love and Faith von 1972, produziert von Toussaint, 13–22 sind von Southern Nights von 1975 von Toussaint und Marshall Sehorn sowie die Single-Version von Country John, die mit When the Party’s Over als B-Seite veröffentlicht wurde (Die andere Auskoppelung war Southern Nights mit Out of the City). Auf der Zweiten CD des Frühwerks sind als Titel 1–10 der Inhalt des Albums Motion von 1978 zu hören, dessen Produzent Jerry Wexler war. Titel 11–20 sind bisher unveröffentlichte Live-Aufnahmen von einem Konzert in Philadelphia 1975 (nähere Angaben AllenToussaintJungSWfehlen). American Tunes wurde posthum veröffentlicht, und es ist ein stilles Album mit vielen Solopiano-Stücken oder dezenter akustischer Begleitung. Die meisten dieser Titel sind Covers, nur Delores’ Boyfriend und das anscheinend unvermeidliche Southern Nights stammen von Allen Toussaint selbst. Die weiteren Titel sind hauptsächlich von Duke Ellington, Earl «Fatha» Hines und Professor Longhair. Die Aufnahmetechnik der späten Sessions ist natürlich überragend gegenüber den älteren Aufnahmen, so dass man bei diesem einmalig perlenden Piano von Toussaint auch noch das Gefühl hat, direkt am Instrument zu sitzen.

Aber unabhängig von der Aufnahmetechnik: Beide Alben enthalten Musik von unglaublicher Qualität. Beim genauen Zuhören offenbaren sich überall kleine funkelnde Details, die Zeugnis ablegen für das Genie, das Allen Toussaint war. Sein Gesang war gut, ohne je herausragend zu sein, aber sein Pianospiel ist einzigartig. Die grossen Pianisten New Orleans’ haben ihre jeweils eigenen Qualitäten: Während Professor Longhair so komplex klingt, dass man kaum glauben kann, dass das ein Pianist sein soll, verziert James Booker jede Wendung mit barocker Üppigkeit und purer Spielfreude. Allen Toussaint spielt reduzierter und er wird dadurch transparenter. Beispiele sind hier die American Tunes-Titel von Longhair: Mardi Gras in New Orleans, Big Chief und Hey Little Girl in der Fassung Toussaint scheinen, als würde nur die Hälfte der Noten gespielt, die Longhair aufeinanderhäuft, aber die Synkopen sind perfekt da, der Groove ist makellos, und dabei sieht man in die Tiefe dieser wunderbaren Titel, die ja in gewisser Weise nur aus der Kombination verschiedener Rhythmen bestehen. Wie Johnny Cashs American Recordings verfolgen auch diese American Tunes dasselbe Konzept: das Album zeigt einen Künstler reduziert auf seine Stärken und dabei unterstützt ihn eine sanfte Band, um Raum für seine Kunst zu schaffen.

AllenToussaintaltCompleteWarnerRecordingsCDCoverDie alten Aufnahmen der Warner-Ära sind logischerweise treibender, auch weniger dem Blues zuzurechnen als vielmehr dem New Orleans so eigenen Funk (Man könnte es auch als Schwarze Pop-Musik bezeichnen). Auf diesen Aufnahmen gibt es Titel unterschiedlicher Couleur, die alle ihren jeweils eigenen Reiz haben. Viva La Money ist ein enorm treibender Funktitel, während The Optimism Blues klingt wie etwas, das auch Udo Jürgens hätte singen können. Allen Toussaint spielt eine Reihe von Tasteninstrumenten in dieser Phase, aber oftmals ist klar das Fender Rhodes-Piano zu hören, mit dem er auch auf dem sonderbar verwackelten Coverbild gezeigt wird.

In Night People, einem Stück mit ebenfalls enormem Funkdrive, kommt der folgende cooler Text hinzu: «Night People, Hanging Out, Looking at each other, Waiting for something to happen», die Musik spiegelt dabei die Spannung wider, unter der die «Night People» in einem Klub oder auf einer Party stehen, dem Anspruch zu gefallen, erfolgreich zu sein etc. Die minimalistische Begleitung tut das ihre, ehe nach 1:20 der Schlagzeugeinsatz kommt und die Spannung für den Refrain gelöst wird.

Alle Aufnahmen haben den Song Southern Nights gemeinsam. Dieser ursprünglich von Glen Campbell als Country-Titel mit starkem Off-Beat eingespielte Erfolgssong war eine 1977 eine Nummer 1 in drei verschiedenen US-Billboard-Charts sowie in Kanada (Darunter die «Hot 100», was der «Nummer 1» entspricht). Toussaints Versionen kamen wohl nie in diese Sphären der Charts, aber jede der Veröffentlichungen hat einen eigenen Reiz. Die jüngste Fassung auf Tunes beginnt mit einem Piano-Intro, das fast asiatisch-pentatonisch klingt, um dann mit perfekt gegeneinander abgewogenen Händen die Rhythmen zu verweben. Die frühen Aufnahmen bestechen durch einen befremdeten Gesang: Die Stimme scheint durch einen Leslie-Speaker geschickt zu werden, was sie schaurig-schön verzerrt. Dieser Effekt ist auf der Live-Aufnahme nicht so stark, dafür ist das Tempo insgesamt etwas erhöht.

Und zum Schluss zum längsten dieser Stücke: Allen And Gary Brown ist ein Medley der Titel Pine Top’s Boogie Woogie, Java, Girl of My Dreams und Honky Tonk. Das ausgedehnte Instrumentalstück beginnt als Pianosolo, und es klingt zunächst wie die Filmmusik zu so etwas wie «der Kleine Wassermann» mit süsslichem harfenähnlichen Klavier, um dann in einen Barrelhouse Boogie zu wechseln und zu einem genüsslichen Slow Blues. Weiter geht’s mit einem an Kirmesmusik erinnernden Zwischenspiel, es folgt ein Ostinato der linken Hand und dann rollt das Ganze gemütlich aus, ehe Terry Brown am Tenorsax auf die Bühne kommt und aus dem Pianosolo ein Knaller wird, bei dem erst das Sax, dann das Schellentamburin einsetzen. Der Titel dauert 12:16 Minuten, die ersten fünf Minuten sind reinste Toussaint-Magie, mit dem Saxophon kommt etwas rein von der Art, wie man das damals gespielt hat. King Kurtis’ Memphis Soul Stew mag als Anhaltspunkt dienen. Toussaints Meisterschaft in der technischen Behandlung der Tasten, seine Anschlagsperfektion, die Koordination der einzelnen Finger – es gibt niemanden sonst, bei dem das so perlend fein klingt. Wahrlich nicht nur der Cole Porter, sondern auch der Duke Ellington von New Orleans.

American Tunes - Allen Toussaint

1. Delores' Boyfriend 3:35
2. Viper's Drag 3:18
3. Confessin' (That I Love You) 2:51
4. Mardi Gras In New Orleans 3:13
5. Lotus Blossom 4:18
6. Waltz For Debby 3:15
7. Big Chief 2:13
8. Rocks In My Bed 4:38
9. Danza, Op. 33 3:25
10. Hey Little Girl 2:37
11. Rosetta 4:08
12. Come Sunday 5:09
13. Southern Nights 3:30
14. American Tune 5:00

 

The Complete Warner Recordings - Allen Toussaint (2003)

CD 1

1. Victims of the Darkness 3:31
2. Am I Expecting Too Much? 2:51
3. My Baby is the Real Thing 3:05
4. Goin' Down 2:59
5. She Once Belonged to Me 2:52
6. Out Of The City (Into Country Life) 3:37
7. Soul Sister 2:50
8. Fingers and Toes 4:08
9. I've Got to Convince Myself 2:43
10. On Your Way Down 4:01
11. Gone Too Far 3:28
12. Electricity 2:33
13. Last Train 3:02
14. Worldwide 2:43
15. Back in Baby's Arms 4:49
16. Country John 4:46
17. Basic Lady 2:59
18. Southern Nights 3:37
19. You Will Not Lose 3:42
20. What Do You Want the Girl to Do? 3:40
21. When the Party's Over 2:39
22. Cruel Way to Go Down 3:53
23. Country John (Single Version) 4:28

CD 2

1. Night People 4:21
2. Just a Kiss Away 4:11
3. With You in Mind 3:44
4. Lover of Love 3:19
5. To Be With You 3:25
6. Motion 6:03
7. Vival La Money 3:35
8. Declaration of Love 4:42
9. Happiness 3:26
10. The Optimism Blues 3:05
11. Intro / High Life (Live) 1:56
12. Touch Of Love (Live) 3:09
13. Brickyard Blues (Live) 3:45
14. What Is Success (Live) 3:14
15. Freedom For The Stallion (Live) 3:25
16. Last Train (Live) 2:56
17. Shoo Ra (Live) 3:30
18. Allen And Gary Brown (Live) 12:16
19. Southern Nights (Live) 4:17
20. Allen's Closing Remarks (Live) 0:59

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