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DVD-Rezension Bluesland - A Portrait in American Music

Too Many Names

Die DVD Bluesland - A Portrait in American Music ist 2010 als Teil der Reihe Masters of American Music in einer Neuauflage erschienen und wird im Fachhandel als neue Blues-Doku angepriesen. Bluesnews.ch hat sich die DVD angesehen und war nicht sonderlich begeistert: In schöner ab langweiliger Form von konstantem name dropping werden die hinlänglich bekannten Stationen der Ahnenforschung der Blues-Musik abgearbeitet. Trotzdem kann die Dokumentation für manche sehr ansprechend sein, und die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Immerhin gibt es Filmaufnahmen vieler alter Bluesmen zu sehen und zumindest einen wirklich anregenden Gedanken in Bluesland.

Die 84 Minuten umfassende DVD Bluesland - A Portrait in American Music ist eine Dokumentation über die Entstehung des Blues und seine wichtigsten Repräsentanten. Die Dokumentation besteht aus Aufschnitten aus aktuellen Interviews mit Albert Murray und Robert Palmer sowie aus historischen Film-Aufnahmen von Auftritten oder Interviews und aus historischen Photos. Die Photos werden in der von Ken Burnsin das Genre eingeführten Technik langsam mit der Kamera abgefahren, so dass die Illusion einer Filmaufnahme entsteht. Allerdings können die Aufnahmen nicht mit dem Publikationsdatum 2010 übereinstimmen, denn Robert Palmer weilt ja leider seit 1997 nicht mehr unter uns. Tatsächliche handelt es sich bei dieser Doku um eine Neupublikation eines Films von 1994. Dem Film wie auch der Verpackung sind allerdings nicht anzusehen, dass es sich lediglich um eine Neuauflage handelt.

Erzählt wird die Geschichte des Blues als musikalische Kunstform von W.C. Handy und Charley Patton bis zu den Rolling Stones und Johnny Winter. Dabei werde Künstlerinnen und Künstler vorgestellt, sehr wenige Produzenten werden namentlich genannt oder mal auf einem Photo gezeigt, der Fokus liegt auf den Musikern, nicht auf deren gesellschaftlich-ökonomischem Umfeld. Da das Unterfangen, 100 Jahre Blues in 84 Minuten Fernsehen zu komprimieren, sehr ambitioniert ist, musste man irgendwo Abstriche machen. Die Editoren entschieden sich leider nicht immer für die richtigen Stellen, sie schnitten bei der Komplexität der gegebenen Informationen ab und natürlich bei den Originalaufnahmen selbst. So entstand ein gehetzter Bericht über den Blues, der alles, aber zugleich auch gar nichts erklärt. 

So wird die weithin bekannte Geschichte des Blues von den Baumwollfeldern des Mississippi Delta bis in Southside von Chicago und zum weissen Publikum in Newport erzählt. Dabei hält sich der Film strikt an die den stärker interessierten Freunden des Blues vertraute etablierte Lehrmeinung, die der Historiker als «master narrative» bezeichnen würde, die man aber auch als kanonische Auffassung bezeichnen kann. So wird die Entwicklung- und Tradierungslinie erzählt mit den Ursprüngen bei Charley Patton und weiter über über Son House, Leadbelly Big Bill Broonzy, Sonny Boy Williamson II. und die King Biscuit Show, Muddy Waters, Count Basie, T-Bone Walker, B.B. King und dann über den Rock’n’Roll in Form von Chuck Berry und Bo Diddley zu Elvis Presley und den Rolling Stones und hier endet die Erzählung. Jede dieser Station wird kurz erwähnt, der wichtigste Song wird angespielt, weiter geht’s im Text. 

Es gibt Nebenerwähnungen, so werden kurze Sequenzen von John Lee Hookeroder Big Joe Turner eingespielt, auch eine Filmaufnahme von einem Auftritt von Lonnie Johnson wird gezeigt. Der Film legt speziellen Wert auf die Entwicklung des Klavierspiels im Blues und der Entwicklung von Honky-Tonk bis Count Basie. In diesem Zusammenhang ist eine schöne Aufnahme von Roosevelt Sykes zu sehen. Positiv gesprochen muss man sagen, dass die Doku alles Relevante an der Entwicklung des Blues kurz anspricht und sie bietet insofern eine Tour d’Horizon. Allerdings ist für geneigte Freunde des Blues so gut wie nichts dabei, das man nicht schon dutzendfach gehört hat. 

Das kommt wahrscheinlich davon, dass die der Doku zugrunde liegenden Quellen nicht gerade den letzten Schrei der Forschung darstellen: Die Dokumentation stützt sich auf zwei frühere Publikationen in Buchform. Da ist zum einen Stomping the Blues von Albert Murray aus dem Jahr 1976 und Robert Palmers Deep Blues von 1981. Die Doku wird mit Interviews der beiden Autoren angereichert, die aber natürlich nur das erzählen, was sie auch in ihren Büchern schon zum Ausdruck gebracht haben. 

Die Doku krankt also an relativ alten Darstellungen der Entwicklung des Blues, die jüngere Überlegungen wie die Rolle der Kirchenmusik oder den Austausch zwischen Country und Blues ebenso wenig diskutieren wie die Existenz von mehreren Ursprungsorten des Blues oder die Rolle der Minstrelshows. Der Blues hat nur eine Wurzel, und die liegt im Delta! Im Abspann steht als Verantwortliche für «Research» der Name einer einzigen Person: Amy Mereson, heute (wenn das Internet nicht lügt) Direktorin des «Youth, Education & Arts» Programms der University Settlement Society in New York. Hier wurde eine einzige Person mit der Sicherstellung der Forschungsergebnisse betraut, die der Darstellung zugrunde lagen. Für eine solch umfassende Darstellung ist das sicher nicht ausreichend. 

Mit anderen Worten, die Dokumentation sieht nach etwas aus, das man schnell zusammengenagelt hat, und das nach Meinung der Bluesnews-Redaktion für niemanden etwas bringt: die Blues-Anfänger, die sich einen Überblick verschaffen wollen, werden zu viele Namen antreffen, um am Schluss noch überhaupt etwas zu wissen, wer sich aber auskennt mit dem Blues, der kennt bestimmt das, was hier vorgestellt wird, auch schon, und die abgeschnittenen Originalaufnahmen nerven mit der Zeit. So fällt die Doku zwischen Stühle und Bänke, und sie kann weder für das eine wie für das andere Publikum überzeugen. 

Aber es gibt ja bekanntlich überall etwas zu entdecken, hier ist es ein anregender Gedanke, der zwar eine Selbstverständlichkeit ausdrückt, aber diese Selbstverständlichkeit muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen: Wiederholt weist Albert Murray darauf hin, dass es sich beim Blues um eine Kunstform handelt. Und er meint, dass weil der Blues eine «art» sei, eben eine Kunstform, sind dessen Äusserungen als «artificial» anzusehen, also nicht als authentische Primär-Äusserungen der Musiker sondern vielmehr als eine ihrer Bühnenfigur. Diese Feststellung ist ebenso banal wie sie grundlegend ist. Niemand der den Blues hat, also eine schlechte Zeit oder Sorgen, läuft die Strasse hinunter und summt einen Zwölftakter, und John Lees Hookers Aussage, er trage eine Sonnebrille, damit man die Tränen nicht sieht, ist eine Selbststilisierung. Murray selbst sagt, dass als Bessie Smith auf der Bühne stand, das Publikum überzeugt war, dies sei Bessie, aber sie ist es eben nicht. Es ist Smiths Bühnenfigur, die Bluessängerin. Das Blues-Idiom und die Aufführungspraxis auf der Bühne sind eben Teil der Kunst und damit nicht Teil des wirklichen Lebens der Musiker. Diese Selbstverständlichkeit muss man sich immer wieder vor Augen führen und in Erinnerung rufen und dies leistet die DVD. 

Zudem gibt es viele kleine Informationen, die spannend sein können, je nach Vorwissen. Ich erfuhr als Neuigkeit beispielsweise, dass T-Bone Walker in den 30er Jahren Blind Lemon Jefferson durch die Honky-Tonk-Lokale von Dallas geführt habe, weshalb er seinen Single-Note-Style auf der Grundlage von Blind Lemon entwickelt hat. Aber leider fehlt viel zu viel in der Doku, so wird das Schicksal des Blues in den 70er und 80er Jahren ebenso wenig erwähnt wie die Verbreitung zur Weltkultur, die im Moment zu beobachten ist.

In der Serie sind weitere Dokus entstanden, auf die hier nur hingewiesen sei, die wir aber nicht gesehen haben. Aber der Eindruck der Bluesdoku lässt mich sehr skeptisch sein. Die anderen Titel lauten: Masters of American Music: Count Basie - Swingin' the Blues (2010), Masters of American Music: The World According to John Coltrane (2010), Masters of American Music, Vol. 1: Celebrating Bird - The Triumph of Charlie Parker (2009), Masters of American Music, Vol. 3: American Composer (2009), Masters of American Music, Vol. 2: Lady Day - The Many Faces of Billie Holiday (2009), Masters of American Music, Vol. 4: The Story of Jazz (2009); Ray Charles – Genius of Soul und Sarah Vaughan – The Divine One