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Bücher

Hans Theesink Big Bills Guitar

50000 Saiten

Da mag man sich denken: Schon wieder eine Blues-Autobiograpie? Ja, aber diese ist anders. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass die Generation der Nachkriegs-Musiker beginnt, ihre Memoiren aufzuschreiben. Nach Keith Richards und Klaus Voormann legt Hans Theessink mit Big Bill’s Guitar als ein weiterer Europäer seine Memoiren vor, in denen er eine Reihe von Informationsperlen mit einer sympathischen Nonchallance präsentiert. In Form eines langen Interviews spricht der Niederländer über seinen Werdegang, aber auch sein Verständnis der Musik. Dabei lässt er die Leser ganz nahe an sich heran und es ist deshalb ein intimes und berührendes Buch geworden. Der Zugang wurde nicht leicht gemacht, aber im Gespräch bestätigt Theessink, was auf den Alben zu hören ist: Gradlinigkeit, Authentizität und Bescheidenheit zeichnen diesen grossartigen Musiker aus. 

Hans Theessink hat sich über Jahrzehnte einen festen Platz in der Bluesszene erarbeitet. Der 1948 in Enschede geborene Gitarrist und Sänger hat seit 1970 gute zwei Dutzend Alben veröffentlich, dazu Lehrvideos, und natürlich hat er eine ungezählte Menge an Konzerten gegeben. Mit Big Bill’s Guitar liegt eine deutschsprachige Biographie vor. Das Buch ist keine klassische Biographie, es kommt in Form einer Collage von mehreren Interviews mit seinem Bekannten, dem Wiener Musikjournalist Dietmar Hoscher daher, aufgelockert durch zahlreiche Bilder. Man muss dieses Buch aufmerksam lesen, dann erfährt man etwas über die Roots-Musikszene in Europa und den USA, deren Mitgestalter Hans Theessink war und weiterhin ist.

Eingeleitet durch Vorworte von Georg Danzer und Michael Köhlmeier gliedert sich das Buch in 14 Kapitel und einen kurzen Epilog, es folgt eine kurze Diskographie Theessinks. Die Vorworte und der Epilog sind wenig aussagekräftig, Georg Danzer (1946–2007) war bereits vier Jahre vor der der Veröffentlichung verstorben, und entsprechend allgemein sind die Statements, die von Bewunderung und dem Respekt gegenüber dem seit langem in Wien wohnhaften Theessink künden. Köhlmeiers Sätze sind gedrechselt wie es sich für den Literaten gehört, aber auch er ringt um Worte um seiner Zuneigung Ausdruck zu verleihen.

Dann folgt ab Seite 14 (und durchgehend bis S. 163) das Interview. Weil sich die verschiedenen Sessions nahtlos ineinanderfügen, erhält man den Eindruck eines einzigen riesigen Interviews. Diese gewählte Form ist gewöhnungsbedürftig, denn erstens ist Dietmar Hoscher in der Regel ein überraschend unsensibler Stichwortgeber, fragt er doch für meinen Geschmack zu wenig nach. Zu praktisch keinem Thema gibt es eine Nachfragen, und nie versucht er zusätzliche Deutlichkeit zu erlangen (Fragen wie «wie meinst Du das?» finden nicht statt). Zweitens ist Hans Theessink selbst zwar gesprächig, indem er ohne Tabus über alle Aspekte seines Musikerlebens berichtet, aber er bleibt dabei mitunter seltsam wortkarg, bzw. unklar. Theessink hat die Angewohnheit, auf eine Frage zunächst präzise zu antworten, aber er weitet die Antworten zusehends aus und stellt seine eigenen Aussagen wieder in Frage. So gibt es längere Passagen im Buch, die aus wenig eindeutigen Allgemeinplätzen bestehen, dann ist der Text eher Partygeplauder als ein Interview.

So antwortet Theessink beispielsweise auf S. 154 auf die Frage «In welcher Sprache denkst Du eigentlich» ausführlich und doch im Grunde nichtssagend: «Ich denke gemischt. In Österreich denke ich viel deutsch, in Holland holländisch, und in Amerika auch mal englisch. Auch zu Hause reden wir „gemischt“, du kennst das ja. Ein bisschen serbisch verstehe ich dank Milica (Seiner Frau und Managerin seit 1979; M.W.) ebenfalls. In jeder Sprache gibt es Dinge, die man in ihr besonders gut beschreiben kann, das tun wir dann auch. Sprachen und Musik haben viel gemeinsam, etwa ein Gefühl für Klänge und Sounds.» Hoscher fragt jetzt aber nicht nach, welche Sprache für Musik gut geeignet sei, oder in welche Sprache er denn fluche, oder was die Erfahrungen waren, als er einen Song auf deutsch schrieb. Stattdessen geht es weiter mit «Besitzt der Blues für dich eine spezielle Philosophie?»

Sehr viele Antworten beginnen deshalb mit «ich glaube…», oftmals sind die Fragen sehr spezifisch, so dass nicht nur ein Stichwort gegeben wurde, vielmehr wurde eine Rampe gebaut für die Richtung, in die die Antwort gehen würde. Die Entscheidung, das Buch als Interview zu veröffentlichen, ist deshalb nicht als rundweg gelungen zu bezeichnen, ein narrativer Text mit beschreibenden Elementen wäre zwar aufwändiger, aber auch weniger eintönig zu lesen gewesen. Auf Seite 137 etwa folgt die Frage «Glaubst Du, dass Instrumente eine Art „Seele“ haben?», die Theessink natürlich bejaht, wobei er präzisiert, dass . Aber diese Seele besser zu beschreiben, zu fassen, was es ausmacht, das wäre spannend gewesen. Stattdessen berichtet er, zu welchen Aufnahmen er wieviele Instrumente mitnahm, nicht aber welche oder nach welchen Kriterien er diese damals auswählte.

Trotzdem erfährt man natürlich sehr viel von Hans Thessink und den Anfängern des Blues in Festland-Europa. Denn er berichtet nicht über die Britisch Invasion, hier geht es um die Bluesszene in Österreich, Deutschland und Holland ab den frühen siebziger Jahren. Diese Szene  war nicht dominiert von John Mayall oder Cream, auf dem Festland spielten Root-Musiker mit grossem Anspruch auf Authentizität. Indem Theessink ganz gradlinig und ehrlich antwortet, vermittelt er viel davon, was es heisst, ein Profimusiker zu sein, ständig auf Achse, aber auch mit einem riesigen Netz von Bekannten und Mitmusikern, mit denen man jammen konnte und hin und wieder Platten aufnehmen. So macht er klar, dass die meisten Kontakt geknüpft wurden, indem man nach Konzerten zusammen abhing und sich näher kennen lernte. Er sagt auch viel darüber aus, was es heisst, wenn die eigene Frau auch die Managerin ist, und in diesem Fall ist es klar ein Glück. Die Symbiose zwischen Musikmanagement, Songwriting und Auftritten hält das Paar am Laufen und funktioniert seit nunmehr 30 Jahren grossartig. Man erfährt auch interessante Details, etwa, dass Theessink einen lebenslangen Endorser-Vertrag mit Thomasik-Infeld hat, die ihm sein Leben lang Saiten liefern. Er überschlägt, das es bisher etwa fünfzigtausend Saiten waren, die er für seine zahlreichen Instrumente brauchte.

Das Interview folgt weder einer klaren Chronologie noch thematischen Schwerpunkten. Hoscher hangelt sich an den einzelnen Alben entlang, das ist die einzig erkennbare Struktur. So eröffnet er mit der Frage «Wie kam es dazu, dass du 2000 nach Helena zum King Biscuit Blues Festival eingeladen wurdest?», aber auf Seite 154 erst schneidet er ein grundlegendes Thema mit den Worten an: «Wie wichtig sind für Dich die Texte Deiner Songs». Aus dieser Tatsache resuliert, dass es kaum möglich ist, die Fragen zu einem bestimmten Thema zu lesen. Das Buch erschliesst sich erst in der Gänze der Antworten, erst wenn man alles gelesen hat, sieht man die Person und den Musiker Hans Theessink in der ganzen angebotenen Vielseitigkeit.

In den 40 Jahren seiner musikalischen Tätigkeit traf Theessink viele Menschen, und zu den meisten konnte er kraft seiner Persönlichkeit eine Bindung aufbauen, mit vielen hat er auch Aufnahmen gemacht: Terry Evans, Peter Ratzenbeck, Jon Sass und John Nørgard, um nur vier zu nennen. Trotz der vielen Namen, die genannt werden, verkommt der Text aber nicht zum reinen Name-dropping. Zu praktisch allen genannten Personen gibt es ausserdem ein Photo, das die Person mit Theessink zeigt. Eine besondere Stellung unter allen erwähnten Personen nimmt natürlich «Big» Bill Broonzy ein, dessen Gitarrenspiel der junge Hans im Radio hörte und das in ihm das Feuer entfachte, das bis heute brennt. Doch auch eine Episode des Bucher macht klar, was das spezielle an dieser Gitarre war: «In der Old Town School of Folk Music (in Chicago) wird die Gitarre von Big Bill Broonzy aufbewahrt. […] Als Big Bill starb, hat er dieser Schule seine Gitarre vermacht, wahrscheinlich weil er eben viel Kontakt zu ihr hatte und einige Zeit dort sogar Hausmeister war.» Theessink durfte die Gitarre nicht nur halten, bei seinem Konzert am Abend durfte er sie mit Erlaubnis der Schule sogar spielen. Die trockene Art, wie Theessink das schildert ist bezeichnend. Man könnte das ganze ja auch so sehen, dass diese Schule einen der grossartigsten Schwarzen Musiker der Zwischenkriegszeit als Hausmeister beschäftigte und dass sie auch nach dessen Tod nicht mit dieser «Reliquie» wuchern, sondern sie sogar für ein Konzert ausleihen.

Hans Theessink ist ein Alt-68er, ein Hippie im Geist geblieben und das macht ihn so authentisch. Deutlich wird dies in der Antwort auf die Frage nach seiner Haltung gegenüber der musikalischen Konkurrenz: «Also das Wort „Konkurrenz“ kenne ich in meinem Metier nicht. Ich finde, Konkurrenzdenken in der Musik ist das Schlimmste, was es gibt. Denn Musik ist für mich eine wunderbare Sache, bedeutet Emotion. Wenn ein anderer Künstler schöne Musik macht, dann freut mich das sehr! Als Konkurrenten sehe ich eigentlich niemanden an.» (S. 94) Durch sein Buch wird klar, das ist wirklich seine Meinung, und deswegen kommt er auch mit allen gut aus und entsprechend lange ist die Liste seiner Koproduktionen.

Nach den Interviews folgt die Diskographie, die leider etwas enttäuschend ist. Sie besteht aus schwarz-weissen Fotos aller LPs und Lehrbücher, mit jeweils minimalsten bibliographischen Angaben: Produktionsland, Verlag, Seriennummer und Jahr, das war‘s. Keine Mitmusiker, keine Produzentennamen, keine Tracklisten bei den CDs, das ist leider etwas schade. Wenn man sich schon die Mühe eines solchen Buches macht, wäre hier die kleine Fleissarbeit einer vollständigen Diskographie eine Aufmerksamkeit gegenüber Theessink gewesen, aber auch ein Service an den Lesern.

Insgesamt ist dieses Buch ein Muss für alle Fans von Hans Theessink, die interessante Hintergründe zu den Aufnahmen erfahren, die sie schon lange hören. Wer mit dem Musiker weniger vertraut ist, aber ein Interesse an der Geschichte eines europäischen Bluesman hat, wird hier ebenfalls auf seine Rechnung kommen. Die spannenden Informationen liegen durchs Buch verstreut in den Antworten verborgen, aber wer das ganze Buch liest, erhält einen einzigartigen Einblick eines Augenzeugen und Mitgestalter in die Welt hinter den Bühnen und Mikrophonen.

Hans Theessink Big Bill’s Guitar / von Dietmar Hoscher ; Einleitung von Georg Danzer– .Wien: echomedia, 2011 – . ISBN 978-3-902672-38-4. 173 S., Photos, Ill. Preis: €24,90.-