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Marco Piazzalonga

Keine Bange, die Cedar County Cobras versprühen kein Gift! Im Gegenteil, das Duo Tom Spielbauer und April Dirks pflegt einen herzerwärmenden, mehrheitlich akustisch aufgesetzten Sound, der Country Blues, Folk und Gospel auf hervorragende Weise zu verknüpfen weiss. Gnadenlos Old Style – dies jedoch radikal und erfrischend. Nichts wirkt aufgesetzt, alles wirkt authentisch und wie  aus einem Guss. Die Cedar County Cobras schöpfen sowohl aus dem reichhaltigen Fundus der Americana Music, andererseits aus der Erfahrung ihres jahrelangen Tingelns durch Clubs, Bars und Roadhouses im mittleren Westen der USA.

Nach ihrem Aufsehen erregenden Erstling «Homesick Blues» melden die beiden Talente aus Iowa mit dem ebenso unterhaltsamen, wie textlich spannenden «Sinners & Saints» zurück. Sozialkritische Aussagen mischen sich mit augenzwinkernden Stories, mit Weisheit, mit Gefühlen. Hier sind zwei gewiefte Songwriter am Werk! 

Tom Spielbauer gefällt mit seinem beeindruckenden Fingerpicking an den verschiedensten Saiteninstrumenten, April Dirks glänzt am Stehbass und an der Mandoline. Zudem verstehen es Aufnahmeleiter Bryan Vanderpool plus fünf weitere Gäste, mit ihren sensiblen Beiträgen an Sax, Harmonica, Keyboards, etc. den Songs gezielt Würze zu verleihen. Eine von A – Z runde Sache!

Tom Spielbauer (voc, g, lap steel, baritone g, bjo, foot dr), April Dirks (upright b, mand, voc, hand dr) plus Bryan Vanderpool (dr, perc, upright b), Dave Moore (harm), Heath Alan (sax, b-voc), Tanner Taylor (b-3, p), Monica Faye (b-voc), Krista Guillaume (b-voc)

(CD, DL, www.overtonmusic.com)

Marco Piazzalonga

Die Jus’ Blues Music Foundation, welche ihre alljährlichen Awards an verdiente Künstler, Exponenten und Förderer der Blues-Szene vergibt, hat in diesem Jahr eine neue Kategorie eingeführt, die in Zukunft nach ihrem ersten Preisträger «The Benny Turner Sideman Award» benannt wird. Seine faszinierende Lebensgeschichte hat der heute 86-jährige Benny Turner 2017 unter dem Titel «Survivor – The Benny Turner Story» zu Papier gebracht. Die Verleihung des oben erwähnten Awards, sowie die Tatsache, dass sich am 28. Dezember dieses Jahres der Todestag von Benny’s älterem Bruder, der Blues-Ikone Freddie King, zum 50. Mal jährt, verdienen es, einen Blick auf diese Autobiografie zu werfen. Denn Freddie King spielte eine der Hauptrollen in Benny’s Leben, nicht nur als Bruder, sondern auch als Inspiration, Vorbild und Kumpel.

Unterstützt vom brillanten Musikjournalisten Bill Dahl lässt Benny in «Survivor» sein Leben anhand von Geschichten, Anekdoten und Erinnerungen Revue passieren – seine Kinderjahre in Texas, sein Aufwachsen in Chicago, seine Zeit in New Orleans, seine Familie, die Musik. Mit Gospel und R’n’B in Chicago gross geworden, agierte Turner schliesslich als Bassist und Bandleader in Freddie King’s Truppe. Nach Freddie’s viel zu frühem Tod 1976 übte Benny die gleiche Funktion anschliessend auch in den Bands von Mighty Joe Young und von Marva Wright aus, bevor er 2010 seine erfolgreiche Solokarriere startete.  

«Survivor» offenbart ein nicht immer einfaches afroamerikanisches Leben, welches durch Segregation und Jim Crow, aber auch durch Talent und Hingabe geprägt wurde. Zudem wirft das Buch einen interessanten Blick auf die Entwicklung sowie hinter die Kulissen der Black Music der letzten 70 Jahre. Benny Turner erzählt seine Story grundehrlich und ohne Verbitterung, dafür mit feinem Humor über all die Ups and Downs, welche ihn zu jenem «Elder Statesman Of The Blues» geformt haben, als der er heute in der Szene geschätzt wird.

(2017, Nola Blue, Inc., 238 Seiten, englisch, 178 S/W-Fotos und Abbildungen, ISBN 978-1-54390-128-3 Print, ISBN 978-1-54390-129-0 eBook)

Marco Piazzalonga

Dustin Arbuckle aus Wichita, Kansas, machte erstmals so richtig auf sich aufmerksam als Teil des Electric Blues/Rootsrock-Duos Moreland & Arbuckle. 2005 im Finale der International Blues Challenge, später bei Telarc und Alligator Records unter Vertrag, haben sich die beiden Musiker 2017 getrennt.

Sänger und Bluesharper Arbuckle bleibt mit seiner neuen Band The Damnations seinem einst eingeschlagenen musikalischen Sound treu, ja fügt diesem gar weitere stilistische Nuancen bei. «Fight Like The Devil» ist das zweite Studioalbum der Truppe, die ausserdem diverse Live-CDs, -EPs und -Vinylscheiben veröffentlicht hat.

Die Kraft und den Druck seiner Live-Auftritte vermag das Quartett auch im Studio an den Tag zu legen, sei es in einem Shuffle à la Jimmy Reed, einem Hill Country Blues à la R.L. Burnside, einem Western Swing à la Asleep At The Wheel oder einem Boogie  à la John Lee Hooker. Arbuckle’s expressive Stimme und sein variationsreiches Harmonicaspiel stehen im Mittelpunkt und werden getragen von der bestens harmonierenden Rhythmusgruppe Caleb Drummond/Colby Aiken. Ein besonderes Kränzchen gilt es Brandon Hudspeth zu winden. Der so sensible wie ideenreiche Gitarrist versteht es auf hervorragende Art, die Kontrapunkte zu Arbuckle’s Vorgehensweise zu setzen und die Songs spannend zu halten.

Die Gesamtstimmung der Album-Lyrics basiert auf dem Leben «On The Road»: Beharrlichkeit, einsame Motelnächte, lange Autofahrten, Strapazen, Träume, aber auch Optimismus, Liebe und Selbstvertrauen. Die sieben im Bandrahmen geschriebenen Tracks werden abgerundet durch zwei Nummern von Ryan Taylor (The Rounders) sowie dem Bob Dylan-Klassiker «Tombstone Blues» und Gillian Welch’s «Didn’t I».

Dustin Arbuckle (voc, harm), Brandon Hudspeth (g), Caleb Drummond (b, b-voc), Colby Aiken (dr) plus Kendall Newby (b-voc)

(CD, DL, www.dustinarbuckledamnations.com)

Marco Piazzalonga

Nicht nur als Blues- und Jazzgitarrist ist AG Weinberger eine anerkannte Künstlerpersönlichkeit in seinem Heimatland Rumänien – dem Vizepräsidenten des Rumänischen Kulturinstituts, Gründer der BlueSylvania Foundation, Komponisten von Theatermusik u.v.m. ist es ein Anliegen, diverseste Kultureinflüsse auf spannende Weise miteinander zu verknüpfen und den Menschen zu vermitteln. „Sharing“ – „Teilen“ passt denn auch perfekt zu diesem sehr persönlichen Album, mit dem Weinberger nun seinen 60. Geburtstag sowie seine mehr als 4 Jahrzehnte dauernde Karriere feiert.

Als innovativer, durchdachter, ja poetischer Texter und versierter Gitarrist navigiert AG zwischen melodiösem (Blues)Rock, der vom Groove her des Öftern an die Stones erinnert, und subtilen, besinnlichen Balladen, welche in die Folk-Ecke tendieren. Von den 12 Songs stammen deren 10 aus Weinberger‘s eigener Feder. Dazu packt er mit den raffiniert auf sich zugeschnittenen Versionen von Randy Newman’s „Short People“ und von Willie Nelson’s „Crazy“ zwei Klassiker, die ihn laut eigener Aussage seit seiner Jugend verfolgt und geprägt haben.

AG Weinberger (voc, g, lap steel), Kovacs Norbert (dr prog, keys, b, g), Szasz Csaba (mand, perc), Farkas Kovacs Timea (b-voc), Gaspar Zsanett (b-voc)

(CD, Vinyl, DL, www.agweinberger.com)

 

Marco Piazzalonga

Blues, Wine & Dine heisst es wieder Anfang November in Praz am Murtensee. Das Vully Blues Festival bietet in sieben gemütlichen Weinkellern, einem Schiff und auf einer Freiluftbühne nebst spannenden nationalen und internationalen Blues-Künstlern feine lokale Tropfen sowie Währschaftes für den kleinen und grossen Hunger an.

Die florierende kanadische Szene wird vertreten durch Steve Marriner. Der Multi-Instrumentalist, Sänger und Produzent zählt zu den führenden Roots-Musikern in seinem Heimatland und wurde schon – nebst einem Juno Award (den kanadischen Grammys) – mit mehreren Maple Blues Awards ausgezeichnet. Den Stellenwert, den Marriner in Kanada hat, besitzt Carlos Eliott in Kolumbien. Der clevere Mix aus Mississippi Blues und Latin Sound, den Eliott zusammen mit dem US-Gitarristen Bobby Gentilo und dem Drummer Eduardo Oviedo auf die Bühne bringt, hat das Trio an Festivals rund um die Welt hinausgetragen.

Jon Shain aus North Carolina, Acoustic Blueser und Gitarrenlehrer, gewann 2019 in Memphis die International Blues Challenge in der Solo/Duo-Kategorie. In Vully wird Shain im Duo mit dem Gitarristen und Bassisten Mike Bischof zu geniessen sein. Tief in die Musik der 1920er und 30er Jahre tauchen Max & Veronica ein: Country Blues, Ragtime, früher Jazz und Hillbilly-Perlen präsentiert das Duo aus Italien mit Pep, Stil und Klasse.

Die Schweizer Fraktion wird angeführt vom jungen Luzerner Gitarristen Ronny Rast, der mit seinem Trio diesen Mai in Baden die Swiss Blues Challenge gewann, und von Roland Pierrehumbert, der mit seinem Projekt «Rawland» anno 2024 in Sierre das Finale dieses Wettbewerbs bestreiten konnte. Des Weiteren treten in den Caves von Vully auf: Howlin’ aus Genf, Sacha Love aus Fribourg, die One Rusty Band aus Frankreich, das Sylvie Bourban Blues Trio (Suisse Romande), Tori Sparks (USA/Spanien), No Brain aus Neuchâtel, und die Deutschschweizer Hamp Goes Wild.

Alle Details zum Vully Blues Festival gibt es unter www.vullybluesfestival.ch 

Marco Piazzalonga

Live aufgezeichnet hat das umtriebige Plattenlabel Ruf Records die Jubiläumsausgabe (20 Jahre – wir gratulieren herzlich!) ihres Blues Caravan in der Blues Garage im deutschen Isernhagen Anfang dieses Jahres. Mit von der Partie sind heuer Laura Chavez, Elise Frank und Matthew Curry. Das Trio wird unterstützt durch die talentierte Keyboarderin Léa Worms und die bestens eingespielte Rhythmusgruppe Tomek Germann (b) und Denis Palatin (dr).

Das Rezept ist so einfach wie durchschlagend: nach einem gemeinsamen Aufgalopp – hier mit dem «Lazy Poker Blues» von Fleetwood Mac’s Peter Green – präsentiert sich jeder der drei Künstler mit einem eigenen Set, bevor es gemeinsam in ein grosses Finale mündet. Ausgiebig zum Zug kommen Chavez, Frank und Curry auf der DVD mit insgesamt 29 Songs. Aus Platzgründen nur 17 Tracks finden sich auf der CD.

Eine gute Balance ergibt sich bei der Songauswahl. Feine Eigenkompositionen (vor allem in den Solo-Sets) wechseln mit clever interpretierten Klassikern, etwa von Creedence Clearwater Revival («Born On The Bayou», «Green River»), den Stones («Under My Thumb»), Lynyrd Skynyrd («Whiskey Rock-a-Roller»), ZZ Top («Blue Jean Blues»), William Harris («Bullfrog Blues») oder Richard Berry («Have Love Will Travel»).

Obwohl zum Zeitpunkt der Aufnahme erst am Anfang ihrer ausgedehnten Tournee stehend, hat der Caravan schon bestens Fahrt aufgenommen und zeigt, dass die Chemie unter den drei Protagonisten stimmt. Elise Frank gefällt mit dynamischem, ehrlichem Bluesrock und starker Stimme. Matthew Curry besticht als cleverer Songwriter und innovativer Gitarrist mit spannenden Americana-Einflüssen. Laura Chavez schliesslich braucht kein Mikrofon – ihre Stimme ist ihre Gitarre. Mit ihren inspirierten Instrumentalnummern lässt die Westcoasterin erkennen, warum sie 2023 den Blues Music Award als «Best Instrumentalist – Guitar» verliehen bekam.

Mit dieser offiziell am 18.09. erscheinenden Live-Scheibe beweist sich der Jubiläums-Caravan als Spitzen-Jahrgang. Laura Chavez, Elise Frank, Matthew Curry & Band werden im Rahmen des Fricktaler Bluesfestivals am Mittwoch 30.09.2026 auf der Bühne des Fricks Monti zu geniessen sein.

Laura Chavez (g), Elise Frank (voc, g), Matthew Curry (voc, g), Tomek Germann (b), Léa Worms (keys), Denis Palatin (dr)

(CD & DVD, www.rufrecords.de)

Marco Piazzalonga

Drei heisse Nächte Blues, Bluesrock, Funk und Soul verspricht das Fricktaler Bluesfestival, welches diesen Herbst in seine 33. Runde geht!

Mit dabei wieder der Blues Caravan von Ruf Records mit einer hochklassigen Besetzung: Laura Chavez, Elise Frank und Matthew Curry werden in bekannter Caravan-Manier – will heissen: solo und gemeinsam – Fricks Monti zum Kochen bringen. Die West-Coasterin Chavez hat mit dem unvergessenen Rory Gallagher nicht nur eine abgeschabte Fender Stratocaster-Gitarre gemeinsam – auch ihre Fingerfertigkeit an den sechs Saiten ist erste Sahne. Dies hat Laura anno 2023 den Blues Music Award als «Best Instrumentalist Guitar» eingebracht – notabene als erste und einzige Frau in dieser von Männern dominierten Kategorie! Nach vielen Sidewoman-Projekten live und im Studio hat Laura Chavez dieses Jahr ihr erstes Solowerk, das brillante Instrumentalalbum «My Voice» veröffentlicht. Ihr zur Seite stehen in Frick das junge französische Talent Elise Frank und der US-Amerikaner Matthew Curry – beide tief in Blues, Rock und Americana verwurzelt.

Ein Stück Schweizer Bluesgeschichte geschrieben haben die Bluesaholics aus der Region Zofingen. Seit Anfang der 1990er Jahre in praktisch unveränderter Besetzung aktiv, hat die Band seither unzählige Bühnen in unserem Land mit ihrem für die verschiedensten Einflüsse offenen Approach an den Blues bespielt. Auch die expressive Sängerin Eve Gallagher – obwohl aus Grossbritannien stammend – hat die hiesige Historie geprägt, gewann sie doch mit ihrer Band die Swiss Blues Challenge 2025 und stiess bei der European Blues Challenge in Polen bis ins Finale vor.

Inspiriert von Jimi Hendrix und Stevie Ray Vaughan griff der junge Brasilianer Guto Konrad zur Gitarre. Mit seinem Debutalbum «Looking For Change» ist es Konrad gelungen, ein erstes beachtenswertes Statement zu setzen. Auch für Ben Poole war Jimi Hendrix Grund genug, eine musikalische Karriere einzuschlagen. Dazu gesellten sich als weitere Einflüsse mit Jeff Beck oder Gary Moore die Saitenzauberer seiner britischen Heimat. Auch Ben Poole glänzt mit einem neuen Album: auf «Post-Midnight Behaviour» geht der Gitarrist neue Wege und integriert gekonnt melodiöse Pop-Klänge in seinen Bluesrock.

Infos und Details zum Fricktaler Bluesfestival: www.fricks-monti.ch

Marco Piazzalonga

Das IP Casino Resort Spa in Biloxi, Mississippi, war vom 30. Juli bis 1. August dieses Jahres Schauplatz der 26. Jus’ Blues Music Awards & Conference.

Im Gegensatz zu vielen anderen Blues Award-Verleihungen weltweit ist es der Non-Profit Organisation Jus’ Blues Foundation ein Anliegen, mit ihren Auszeichnungen speziell die Afro-amerikanischen Schöpfer im Blues & Roots Music-Bereich zu würdigen. Umrahmt von Dinners, Live-Auftritten, Ausstellungen und Konferenzen rund um den Blues wurden dieses Jahr an der von Host Tyrone Davis geleiteten Awardshow14 Persönlichkeiten geehrt.

Zum ersten Mal wurde heuer ein Sideman Award verliehen, um für einmal jene Musiker ins Rampenlicht zu stellen, die hart daran arbeiten, den jeweiligen Star gut aussehen zu lassen. Diese Auszeichnung wird nun in Zukunft nach seinem ersten Träger «Benny Turner Award» benannt. Benny (Jahrgang 1939) war lange Jahre Bassist und musikalischer Leiter bei seinem viel zu früh verstorbenen Halbbruder, dem legendären Freddie King. Später übte Benny diese Funktion bei Mighty Joe Young und bei Marva Wright aus, bevor er schliesslich seine Solo-Karriere startete. Benny Turner’s faszinierendes Leben lässt sich übrigens hautnah nachverfolgen anhand seiner 2017 erschienen Autobiografie «Survivor: The Benny Turner Story».

Unter den weiteren Preisträgern finden sich die Sängerin Queen Iretta Sanders, der Gitarrist, Harmonicaspieler und Sänger Harrell Davenport, die Sängerin J’Cenae Williams, der Sänger Jaye Hammer, die Sängerin Mzz Reese, der Gitarrist und Arrangeur Rico McFarland, die Radiomacherin Tracy Bethea, der Musiker, Komponist, Arrangeur und Produzent Mose Stovall, der Multi-Instrumentalist Singa B, der Direktor und Geschäftsführer des B.B. King Museums Robert Terrell, der Gitarrist und Sänger Memphis Gold, der Keyboarder Roosevelt Purifoy und der Gitarrist und Sänger Jamiah Rogers.

www.jusblues.org

Marco Piazzalonga

Wie ein Damoklesschwert hingen zum Schluss drohende Gewitterzellen über der Stadt Bellinzona. Doch Petrus hatte ein Einsehen mit der Blues Community und öffnete die Schleusen erst buchstäblich mit dem letzten Ton der letzten Zugabe einer durchs Band weg überzeugenden Veranstaltung – dafür goss es dann aber richtig!

Der Nachfolge-Event des legendären Piazza Blues Festivals hat seine Feuertaufe – nach dem letztjährigen Re-Launch – nun mit Bravour bestanden. Hand in Hand mit der hervorragenden Organisation ging die brillante Arbeit der Soundcrew, welches den acht Acts ermöglichte, musikalisch aus dem Vollen zu schöpfen und damit dem zahlreich aufmarschierten Publikum bestes Ohrenfutter zu bieten. Zwei Tage lang stand die Piazza Governo im Zeichen hochklassiger internationaler Blues’n’Roots Music.

Für den Start sorgten zwei italienische Formationen, die verschiedener kaum sein konnten. Während Lovesick um Paolo Roberto Pianezza (voc, g, lap steel) und Francesca Alinovi (voc, upright-b) mit einem clever aufgesetzten, eigenständigen Approach von Western Swing, Rockabilly, Country, Folk und Rock’n’Roll glänzten, gab sich Stephanie «Ocean» Ghizzoni dem tiefen amerikanischen Süden hin und interpretierte Louisiana-Perlen von den Meters bis Dr. John. Auch durfte ein atmosphärisches «The House Of The Rising Sun» in ihrer Darbietung nicht fehlen.

Den Vorschusslorbeeren gerecht wurde Carolyn Wonderland. Ausdrucksstark an Stimme, Slidegitarre und Gitarre offenbarte die Alligator Records Artistin mit ihrem dynamischen Set die ganze Bandbreite des Texas Roadhouse Blues. Und es sollte noch mehr kommen: Den Energie-Level zu übernehmen und weiterzutragen – dies verstand mit den Cinelli Brothers eine der führenden europäischen Live-Truppen der Gegenwart. Rock, Soul und Blues vereinigten sich in der Musik von Marco und Alessandro Cinelli sowie ihren Mitstreitern Tom Julian-Jones und Jorma Gasperi zu einem organischen und mitreissenden Ganzen. Eindrücklich ihr mehrstimmiger Gesang, faszinierend ihr Beherrschen verschiedenster Instrumente. Als Sahnehäubchen baten die Cinellis die Lokalmatadoren Federico Albertoni und Mad Mantello von der Tessiner Band Freddie & The Cannonballs auf die Bühne, um das gemeinsam geschriebene und aufgenommene «Dancing Shoes» zu intonieren.

Mit lokalen Grössen startete auch der Samstag. Unter der Leitung des Bassisten Daniel Mancullo beeindruckte eine veritable Tessiner «Supergroup» namens Joe Dallas & The Monks. Mit vier Bläsern und zwei Chorsängerinnen zusätzlich zur Core-Band intonierte die Monks einen brillant arrangierten funky Soul-Sound, der sich an Vorbildern wie etwa der Average White Band oder Tower Of Power anlehnte. Erwähnenswert dabei die variable Stimme und die erfrischende Bühnenpräsenz von Sänger Greg Fontana.

Gleich zwei Ladies mit unter die Haut gehenden Stimmen gaben sich anschliessend die (Bühnen)-Klinke in die Hand. Kyla Brox und Justina Lee Brown wissen beide ihre Emotionen auf bestechende Art gesanglich auszuleben. Während sich Kyla in ihrer Musik stark auf ihre Wurzeln im britischen Blues stützte – sie wuchs in der Band ihres Vaters, der Brit-Blues-Legende Victor Brox auf – mischte Justina ihrem Funk und Soul eine gehörige Portion an Rhythmen und Melodien ihrer Heimat Nigeria bei und schlug mit ihrer emotionalen Bühnenshow die voll besetzte Piazza Governo in ihren Bann.

Dem Bluesrock-Gitarrist Henrik Freischlader aus Deutschland war es schliesslich vergönnt, den würdigen Schlusspunkt unter die Festival-Ausgabe 2026 zu setzen. Freischlader’s stupende Behandlung der sechs Saiten, welche sich an jene von Roy Buchanan und Gary Moore anlehnt, schaffte es offensichtlich, die eingangs erwähnten Gewitterwolken lange genug zurückzuhalten!

www.bellinzonablues.com

 

Marco Piazzalonga

Drei Bühnen mitten in der Luganeser Altstadt mit einem grossen Aufgebot an spannenden Künstlern, der freie Eintritt und das hervorragende Sommerwetter machten das Blues To Bop Festival zu einem der Höhepunkte dieser Saison.

Nach einigen Experimenten in den letzten Jahren in Sachen Locations und Struktur hat sich die Stadt Lugano, welche für den Event verantwortlich zeichnet, heuer auf das Bewährte konzentriert. Und dies hiess: Talentierte, musikalisch hungrige Talente aller Roots-Schattierungen wieder hautnah für das Publikum auf den Plätzen der Stadt zu inszenieren. Während anderswo der Blues immer Rock-lastiger präsentiert wird, gibt sich Blues To Bop differenzierter. Die Hauptacts Thornetta Davis und Guy King tendierten mit ihren Bands in Richtung Soul, resp. Jazz. Jack Broadbent und Ghalia Volt führten viel Inspiration aus Mississippi im Gepäck, bei The Fat Six war es Rock’n’Roll, bei Jack In The Box Traditional Jazz, und die ghanaische Sängerin Wiyaala zeigte auf, wo die afrikanischen Wurzeln des Blues liegen.

Der Swiss Blues Award-Träger Walter Baumgartner überzeugte am Freitagabend sowohl mit seiner Blues Box, wie auch tags darauf im Duo mit Hannes Kasehs mit Deep Blues. The Delta Magpie, seines Zeichens mit dem Newcomer Award der Swiss Blues Society ausgezeichnet, nahm seine Zuhörer mit auf einen Trip durch Ragtime, Folk Blues und Old Timey Music. Die Gewinnerin der European Blues Challenge dieses Frühjahr, Alice Armstrong, hielt mit ihrem Quartett das Fähnlein des kraftvollen British Blues hoch, während der neue Shooting Star der New England-Szene, Delanie Pickering (obiges Bild) ihr Publikum mit differenziertem Chicago Blues begeisterte, und die erdig abrockenden Piper & The Hard Times aus Nashville ihrem Ruf als Gewinner der International Blues Challenge 2024 vollauf gerecht wurden.

www.longlake.ch

 

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